10. Juni 2022

Derma Self Love Club - 13

Über ein Jahr ist es her (siehe letzter Beitrag aus der Postserie) und endlich kann ich euch sagen: Ich habe unerwarteterweise wieder einen Beitrag von der lieben Janika im Gepäck! Eigentlich hatte ich euch ja mitgeteilt, dass Janika ihren eigenen Blog gestartet und die "Derma-Self-Love-Club"-Reihe auf diesem Blog deshalb ihr Ende gefunden hat. Manchmal läuft es im Leben aber anders als geplant, man reflektiert Geschehenes und eigene Entscheidungen etc. - so kam es, dass wir uns nun in der glücklichen Position schätzen dürfen, hier wieder von Janika zu lesen! Es wird euch nicht neu sein, wenn ich sage, dass ich ihre Beiträge extrem wertvoll und bereichernd finde. Das gilt nicht nur für den Blog und den Effekt auf euch, sondern auch für mich ganz persönlich. Deshalb bin ich so froh, dass die Dermatillomanie uns beide als zwei Betroffene zusammengeführt hat und der Startschuss für eine wunderbare Freundschaft gewesen ist!
 
Janika hat mal wieder ein unfassbar spannendes Thema in ausführlichster Weise für euch verarbeitet, weshalb ich euch nicht mehr lange aufhalten möchte. Ganz viel Spaß und zahlreiche Erkenntnisse oder Gedankenanregungen! :) Achso und entschuldigt im Vorhinein die Qualität der als Bilder eingefügten Tabellen, das ging leider formattechnisch nicht anders. :/ Einmal draufklicken und größer anzeigen lassen, dann lässt es sich besser lesen.
 
"Hallo meine Lieben!
Ich hoffe, es geht euch allen soweit gut!

Nach einer langen Schreibpause melde ich mich heute mal wieder mit einem neuen Beitrag zurück. In der letzten Zeit habe ich mich mal wieder des Öfteren in einen kritischen Selbstreflexionsprozess begeben, um noch mehr über mich und meine Erkrankungen herausfinden zu können und daraufhin bin ich dann über die Idee gestolpert, zwei zentrale Kräfte unseres Menschseins und ihre Wirkmechanismen im Kontext der Skin-Picking-Störung einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Dafür habe ich den Versuch gewagt, diese strukturiert gegenüberzustellen, um im Anschluss eine kleine, aber nicht unwichtige Erkenntnis zu generieren. Diese kann - so hoffe ich es - einen (!) plausiblen Erklärungsansatz darstellen, worin die hohe Komplexität des Skin Pickings genau begründet liegt.
Das hört sich jetzt wahrscheinlich noch wahnsinnig theoretisch an, entschuldigt mich. Um etwas Licht ins Dunkel zu bringen, möchte ich euch nun gerne zeigen, was ich genau meine, indem ich mit der Beschreibung der heutigen zwei Akteure beginne.

Emotio und Ratio sind die Wörter der Stunde. Ich möchte mich gar nicht allzu lange damit befassen, sie im kleinsten Detail genau auseinanderzunehmen; eine kurze Beschreibung sollte reichen.
Unter Ratio versteht man das verstandesmäßige Handeln. Menschen, die in Situationen unter rationalen Gesichtspunkten auftreten und handeln, können Situationen ganzheitlich analysieren und lassen sich in ihrer Entscheidungsfindung nicht von kurzweiligen emotionalen Gefühlslagen steuern. Insbesondere seit der Epoche der Aufklärung wird dem Verstand eine herausragende Rolle zugesprochen und dem Menschen Mut gemacht, ihren Entscheidungen sowie Handlungen eine rationale Basis zu geben.
Dass der Mensch aber nicht immer ausschließlich sachlich und besonnen handelt, zeigt schon ein naheliegendes Beispiel aus dem Alltag. Machen wir hierfür ein kleines Gedankenexperiment: Stell dir vor, du möchtest dir eine Armbanduhr kaufen. Aus rein logischer Perspektive sollte die Armbanduhr primär die Funktion erfüllen, die Uhrzeit korrekt anzeigen zu können. Das sollte fürs Erste reichen. So eine Armbanduhr bekommt man schon schnell für ein paar Euro.
In der Wirklichkeit aber stellen sich nun auch unsere Emotionen ein. Wir scrollen stundenlang durch verschiedene Websites, gehen in Verkaufsläden, vergleichen Modelle, stellen neue Ansprüche und wollen konkret eins: Dass das Produkt, für das wir uns am Ende entscheiden, nicht nur seinen Zweck erfüllt, sondern auch das richtige Gefühl in uns auslöst. Rationale Gesichtspunkte werden auf einmal weniger interessant, denn das Gefühl spricht auf einmal eine viel wichtigere Sprache.
Emotio meint somit den gefühlsbetonten Anteil in uns. Wenn wir der Emotio entsprechend handeln, lassen wir uns von unserem Bauchgefühl oder auch der Intuition leiten. Wir entscheiden uns für Dinge, die wir manchmal selbst gar nicht logisch begründen können, die uns aber richtig erscheinen. Wir lesen zwischen den Zeilen, nehmen kleine Veränderungen in uns und anderen wahr und streben das gute und richtige Gefühl an.

Dabei möchte ich an dieser Stelle aber noch einmal betonen, dass Emotio und Ratio keinesfalls als Kontrahenten zu verstehen sind. Wir vereinen beide Teile in uns und handeln mal auf die eine, mal auf die andere Weise. Jemand, der rational handelt, ist nicht grundsätzlich emotionslos und jemand, der seinem Bauch folgt, ist auch kein irrationales Gemüt. Das macht unser Menschsein so besonders: Wir sind in unserem Wesen weder vollständig schwarz noch weiß, sondern einer von vielen denkbaren Grautönen.

Nun möchte ich die am Anfang angekündigte Brücke schlagen und Emotio und Ratio mit dem Skin Picking in Verbindung bringen. Skin Picking fällt ganz eindeutig in ein von Emotio gesteuertes Schema. Selbstverständlich hat die genauere Ätiologie des Skin Pickings auch durchaus rationale Wurzeln. Gründe, warum sich die Krankheit in unser Leben geschlichen hat, Ursachen, wieso sie sich so starr und hartnäckig aufrechterhalten kann (und und und) sind gewiss nicht nur Fragen der Emotion und unserer Möglichkeit, sie zu kontrollieren. Das Störungsbild folgt seinen ganz eigenen Logiken und es ist essentiell sowie unverzichtbar, dies anzuerkennen, denn sonst würden wir schnell in die Falle geraten, das Skin Picking als reine Verhaltensschwäche und Willenssache abzustempeln.

Mir geht es vielmehr darum, im Folgenden einmal aufzuzeigen, dass das Skin Picking den Kanal der Emotio benutzt, um seine Kraft aufrechtzuerhalten und demgegenüber auch deutlich zu stellen, dass wir Skin Picker uns dessen auch bewusst sein können, dass das Skin Picking auf keinem Pfad der Logik daherschreitet.
Ich habe im Rahmen meiner Skin-Picking-Laufbahn schon mit einigen Betroffenen Gespräche über das Skin Picking führen dürfen und wenn ich eine Sache sicher sagen kann, dann, dass alle Betroffenen ausnahmslos sehr selbstreflektierte, aufrichtige, gebildete, aber eben auch vor allen Dingen gefühlsbetonte Menschen sind. Ohne mich jetzt in die Rolle einer Expertin begeben zu wollen, konnte ich aus der Perspektive einer Selbstbetroffenen die Erkenntnis generieren, dass wir eine sehr starke Emotio zu haben scheinen und ich glaube, dass genau dieser Umstand es dann dem Skin Picking auch so unverschämt leicht macht, sich aufrechtzuerhalten und weiterhin zu fruchten! Es weiß, dass wir über unsere Emotionen sehr leicht zu erreichen sind. Es weiß, dass wir Dinge wie Bindung, Treue und Stabilität brauchen und hoch schätzen. Es weiß aber auch, dass wir viele Selbstzweifel in uns tragen und uns beizeiten gerne an etwas klammern, was uns Sicherheit gibt.

Im gleichen Atemzug kommen wir aber spätestens auch nach einiger Zeit der Auseinandersetzung mit unserem Krankheitsbild zu der Erkenntnis, dass die skin-picking-bezogenen Gedanken nicht echt sind, egal, wie logisch und aufrichtig sie uns erscheinen mögen.
Der erste Schritt ist vielleicht mit der schwierigste: Wir müssen uns von der Vorstellung lösen können, dass alles, was unser Gehirn uns alltäglich an Gedanken produziert, echt ist. Natürlich ist es eine wertvolle Fähigkeit, dass wir grundlegend unseren Gedanken Vertrauen schenken können. Sie sichern nicht nur unser Überleben, sondern helfen uns auch bei wichtigen Einschätzungen und
Entscheidungen. Somit liegt uns im ersten Schritt die Vorstellung fern, dass nicht nur alles produktiv, geschweige denn wahr ist, was wir alltäglich denken. Ganz im Gegenteil, denn die Erkrankung mischt sich unter genau diese wertvollen Gedanken, sodass es irgendwann immer schwieriger wird, eine klare Trennlinie zwischen den Gedanken zu ziehen. So schmerzhaft es auch ist: Ich versuche mir immer wieder vor Augen zu führen, dass ich meiner Wahrnehmung nicht immer trauen und folgen darf.
Mein Denken unterliegt einer Menge gefährlicher Verzerrungen, die mir nicht nur auf kurze Sicht schaden, sondern auch langfristig einen Container an Einschränkungen und Gefährdungen mit sich bringen. Deswegen sollte es um die Auseinandersetzung mit diesen schwierigen Gedanken gehen und man sollte beginnen, diese zu identifizieren und immer wieder auf ihren Realitätsgehalt zu prüfen.

Ich bin gerne ein Mensch, der den Gefühlen Vorrang vor der Logik gibt, aber dies geht nicht auf Kosten meiner eigenen (psychischen) Gesundheit!
Um meinen Beitrag hiermit abzurunden, möchte ich ein paar wesentliche Gedankengänge nennen, die mein Skin Picking mir regelmäßig vorspielt und möchte dem dann die logische Vernunft gegenüberstellen, um noch einmal abschließend darauf hinzuweisen, dass das Skin Picking nichts mit der Realität zu tun hat! Wir sind gut so wie wir sind und die Gefühlszustände, die die Krankheit in uns auslöst, sind war gewiss auf der Gefühlsebene echt, aber keineswegs langfristig gehaltvoll! Ich persönlich kenne das Gefühl, wenn ich dem Skin Picking nicht gegensteuern kann, obwohl ich doch weiß, dass es keine rationale Grundlage für die spezifische Anspannung gibt. Aber dies zeigt nur einmal mehr, was für eine hohe Kraft die Dermatillomanie doch besitzt!
Vielleicht erweckt diese ungeschönte Tabelle auch in dir einmal das Interesse, das gleiche Schema auf dein Skin Picking anzuwenden, denn ich finde, eine der wertvollsten Möglichkeiten, etwas über uns zu lernen, ist die produktive Auseinandersetzung mit unseren Gedanken – und dafür darf man, auch, wenn es unglaublich schwierig ist und in dem Moment unserer Natur zu widerstreben scheint, einmal die emotionale Ebene verlassen und mehr auf die Vernunft hören, sie wünscht uns nur das Beste!



Bei der Fertigstellung dieses Beitrags kam mir dann noch der Gedanke, dass ich keinesfalls den Eindruck eines einseitig negativen Bildes des Skin Pickings erwecken möchte. Ich könnte wahrscheinlich Ewigkeiten darüber erzählen, welche unglaublich wertvollen Qualitäten das Skin Picking besitzt. Angefangen bei den regulatorischen Möglichkeiten, hinüber zu den identitätsstiftenden Eigenschaften bis hin zu dem Umstand, dass es einen Grund hat, warum es in unser Leben getreten ist und somit auch stückweise ein wichtiger haltgebender Begleiter auf der Reise unseres Lebens ist. Trotzdem muss es selbstverständlich in unserem Interesse sein, an diesem Anteil in uns zu arbeiten und Wege zu finden, die Qualitäten des Skin Pickings durch produktivere Verhaltensweisen zu ersetzen!

Danke für eure Zeit und euer Interesse! Vielleicht konnte ich euch ein paar neue Einsichten mit auf den Weg geben und neue Wege der Auseinandersetzung in euch anstoßen!
Fühlt euch umarmt, eure Janika <3
"

8. Juni 2021

Eine Herzensempfehlung

'N Abend! :)
 
Heute habe ich zwei Ankündigungen in einer, wenn man so möchte. Ihr kennt die "Derma-Self-Love-Club"-Postserie und Janika, die innerhalb dieser Serie von ihrer Geschichte mit dem Skin Picking erzählt hat? Das ist gut! Und wenn ihr auch so beeindruckt von ihren wertvollen Aussagen und Erkenntnissen gewesen seid wie ich, dann wird euch die heutige Neuigkeit bestimmt freuen.

Die liebe Janika hat nach langer Zeit des Überlegens nun ganz frisch ihren eigenen Blog gestartet! Ich finde ja, dass ein ganzer Blog ihr als Person und ihrer Lebensgeschichte gerechter wird als eine kleine Postserie hier auf meinem Blog, deswegen freue ich mich so sehr mit ihr, dass sie nun den nötigen Mut gefasst und ihr eigenes Projekt gestartet hat. :) Sie wird auf ihrem Blog vom Skin Picking erzählen, aber nicht ausschließlich. Falls ihr wissen wollt, wovon sie noch berichten wird und welche Blogeinträge bereits auf euch warten, dann schaut hier vorbei:

Der Link zu Janikas eigenem Blog: https://dermaselfloveclub.wordpress.com/

Das ist wirklich eine absolute Herzensempfehlung von mir, deshalb lasst sehr gerne euren Support und eure Liebe dort! Wenn ihr mir schon länger folgt, wisst ihr vielleicht, dass Janika und ich uns durch das Skin Picking kennengelernt haben und uns auch persönlich kennen, da wir schon ein paar Treffen einrichten konnten. Wir pflegen inzwischen eine ganz besondere und schöne Freundschaft und das übrigens nur, weil sie sich auf den SP-Tagen 2018 getraut hat, mich anzusprechen (nachdem wir vorher schon einmal kurz wegen eines Gastbeitrags Kontakt hatten). Daraufhin entwickelte sich ein Austausch per Mail, dann per Whatsapp und so nahm das Ganze seinen Lauf. Ihr seht: Es kann sich eine Menge entwickeln, wenn wir uns öffnen und mit Leidensgenossen in Kontakt treten!

Die zweite, damit zusammenhängende Ankündigung ist die, dass damit die "Derma-Self-Love-Club"-Reihe auf meinem Blog enden wird. Vielleicht kommen noch ein, zwei Beiträge online, die bereits geschrieben sind, aber das schauen Janika und ich noch. Es war eine schöne Zeit und ich möchte dir, Janika, ganz öffentlich dafür danken, dass du so viel mit uns geteilt hast! Du hast meinem Blog ein ganzes Stück mehr Wert verliehen!
 
Ich wünsche Janika mit ihrem eigenen Blog alles Gute, viel Erfolg und eine wunderbare Reise! Ich bin so gespannt, welche Posts über die nächste Zeit erscheinen werden, was ich alles noch von ihr lernen darf und wie sich das Ganze entwickeln wird. Ich finde es auf jeden Fall so berührend zu sehen, dass es mehr und mehr Menschen gibt, die sich öffentlich für das Thema einsetzen wollen, indem sie darüber sprechen. Mein Blog allein hat nie ausgereicht und wird es auch nie! Jede weitere betroffene Person, die sich äußert, ist Gold wert! Gemeinsam sind wir stark!

7. Mai 2021

Derma Self Love Club - 12

Guten Abend!
 
Es wird mal wieder Zeit für ein Weitergeben des imaginären Mikrofons hier auf der Bühne (keine Ahnung, warum ich gerade so in Metaphern rede :D). Janika erzählt euch in dieser Postserie ja von ihrem persönlichen Skin Picking und das nun schon zum zwölften Mal! Mensch, wie die Zeit vergeht! Falls ihr in die vergangenen Teile reinschauen wollt, was ich euch nur absolut empfehlen kann, dann tut das gerne mithilfe des Labels "DermaSelfLoveClub", da findet ihr alles! Gerade der letzte Part stieß bei euch auf Interesse, wie mir schien. Teilweise gab es dazu auch Rückmeldungen und Austausch. Dann dürfte der heutige Part auch interessant für euch sein! Ich finde die Message mal wieder äußerst wichtig und hilfreich. Hiermit gebe ich das Wort ab.

"Hallo liebe Community,

Heute möchte ich mal wieder eine Idee mit euch teilen, die mir vor ein paar Tagen in den Sinn gekommen ist.

Vielleicht hat der ein oder andere von euch schon einmal ein Habit Log geführt, um skinpickingbezogene Auslösesituationen und Routinen zu dokumentieren. Ich habe mich vor kurzem das erste Mal an diese Form der Profilanalyse meines Skin Pickings gewagt und konnte schon einige zentrale Erkenntnisse für mich mitnehmen. Nachdem ich das Habit Log angefangen habe, kam mir aber nur kurze Zeit später der folgende Gedanke, den ich als „Perspektivwechsel“ bezeichnen würde: Im klassischen Habit Log hält man die Momente fest, in denen sich das Skin Picking durchgesetzt hat. So dokumentiert man beispielsweise die Gedanken, die Gefühle, die Intensität etc. Dieses Vorgehen kann einem ganz wertvolle Einsichten in die eigene Beschaffenheit des Skin Pickings liefern und ist somit sicherlich jedem zu empfehlen, der diesen Spuren nachfühlen möchte.

Mein Gedanke, der in Form einer Frage auftauchte, war aber nun der Folgende: Was würde passieren, wenn man nicht mehr die Momente dokumentiert, in denen es zum Skin Picking gekommen ist, sondern die Momente schriftlich fixiert, in denen man es geschafft hat, sich dem Knibbeldrang zu widersetzen?

Selbstverständlich ist es wichtig und somit unerlässlich, die Skin Picking Episoden genauer unter die Lupe zu nehmen, um etwas über seine Krankheit herauszufinden. Gleichzeitig dachte ich aber auch daran, dass man sich somit immer nur „Augenblicke des Scheiterns“ vor Augen führt. Bei dem Blick auf mein Habit Log sah ich primär die Momente, in denen ich dem Drang nicht widerstehen konnte und das machte mich traurig und demotivierte mich auch etwas. Somit dachte ich mir, dass eine Übersicht, die die Erfolgsmomente festhält und widerspiegelt, eventuell gegenteilige Effekte auslösen könnte.
Somit setzte ich mich an meinen Laptop und entwickelte die folgende Übersicht, die euch am Ende des Artikels ebenfalls noch mal als pdf zum Download zur Verfügung steht:


Die Tabelle enthält die folgenden Aspekte, deren dazugehörigen Fragestellungen in diese Richtung gehen können (s. auch Seite 2 der pdf):

● Datum/Zeit: An welchem Tag und zu welcher Zeit habe ich es geschafft, den aufdringlichen Gedanken zu besänftigen?
● Auslöser: Was war zuvor der (innere oder auch äußere) Auslöser für den Drang?
● Beruhigende Gedanken: Mit welchen Gedanken und mit welcher mentalen Haltung konnte ich den Impuls beruhigen?
● Ersatzhandlung: In dem Moment, als der Drang am stärksten war, was habe ich da alternativ mit meinen Händen gemacht?
● Ablenkung: Was habe ich in der folgenden Zeit gemacht? Wie konnte ich mich mittel- bis längerfristig von dem aufdringlichen Gedanken lösen?
● Gefühl danach: Welches Gefühl breitete sich in mir einige Zeit nach der Impulskontrolle aus?
● Was ich mir merken möchte: Was habe ich für mich aus diesem Ereignis mitgenommen? Was möchte ich mir für das nächste Mal merken?

Mit dieser Tabelle werden, im Gegensatz zum klassischen Habit Log, nicht die pathologischen Momente reflektiert, sondern die Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, um sich einem aufdringlichen Gedanken und dem damit verbundenen Impuls zu widersetzen und diese dadurch aufgestaute Energie in etwas Produktives zu verwandeln.

In der Tabelle können entwickelte Strategien festgehalten werden, die wir uns immer wieder in Erinnerung rufen können, wenn es zu einem erneuten Gefühl der hohen Anspannung kommt. Häufig tendieren wir dazu, nur die Momente abzuspeichern, in denen wir uns dem Skin Picking hingegeben haben. Wir machen uns gar nicht bewusst, wie unglaublich häufig wir es auch schaffen, eine Knibbelepisode zu verhindern. Durch die Schwere der Folgen werden wir dazu verleitet, nur die Momente des fehlenden Widerstands nachhaltig abzuspeichern und können somit kein Bewusstsein für all die kleinen Erfolge entwickeln. Die Tabelle soll diesem Umstand Rechnung tragen und kann eine Möglichkeit zur Aufschlüsselung deines Skin Pickings darstellen.

Ich würde mich freuen, wenn du dieser Art der Dokumentation eine Chance gibst und sukzessive herausfinden kannst, welche wundervollen Strategien du in dir trägst, um der Erkrankung die Stirn zu bieten. Vielleicht wirst du genau so schnell wie ich feststellen, dass es so viele Augenblicke gibt, in denen man es schafft, dem Drang nicht nachzugeben! Schnell habe ich gemerkt, dass ich unzählige Momente dokumentieren könnte. Es geht dabei nicht darum, jeden einzelnen Moment festzuhalten, aber vielleicht zumindest diejenigen, in denen du das Gefühl hast, dass du dich und deine Krankheit angemessen betrachten und reflektieren kannst und die ggf. eine gewisse Aussagekraft haben können.
Der wichtige Gedanke hierbei ist der neue Blick: Du kannst lernen, nicht nur die Rückfälle zu sehen, sondern insbesondere, wie oft du es immer wieder schaffst, dich dem Knibbelzwang zu widersetzen! Und das ist so stark!

Ich wünsche dir viel Freude bei der Führung dieses Logs und die ein oder andere neue Einsicht, die dir dazu verhelfen kann, dir selbst und deiner Erkrankung mit mehr Liebe und Nachsicht zu begegnen.

Fühl dich gedrückt,
deine Janika :)

 
So sieht beispielsweise mein erster Erfolge Tracker aus.

Nach den ersten drei Einträgen konnte ich bereits feststellen, dass es für mich eine funktionierende Ersatzhandlung darstellt, wenn ich mich am Kopf kratze. Dabei kratze ich mir die Kopfhaut dort, wo ungefähr mein Gesicht aufhört und meine Haare anfangen. Dies gibt mir das Gefühl, mein Gesicht bearbeitet zu haben, trotzdem bleibt das Verhalten schadlos. Weiterhin ist die Erkenntnis zentral, dass es mir hilft, meine Wohnung zu verlassen, da dies mir das Gefühl gibt, auch meine Gedanken in der Wohnung lassen zu können. Die Welt draußen inspiriert mich zu neuen Gedanken.

Auch, wenn es manchmal etwas gedauert hat und ich nicht geglaubt hatte, dass es so sein wird: Längerfristig hat sich immer ein positives Gefühl eingestellt, wenn ich die Handlung unterlassen konnte. Am schnellsten komme ich dorthin, wenn ich auf der einen Seite nach einer moderat beanspruchenden Ablenkung suche (Spazieren, Meditation), auf der anderen Seite mich aber auch mit den aufdringlichen Gedanken auseinandersetze und sie nicht vollends ignoriere (indem ich sie mir z.B. selbst laut erzähle).
Das inspiriert mich!
"

Wunderbar, nicht? Also ich fühle mich gerade allein vom Lesen so motiviert! :D Hier findet ihr die PDF zum Download, falls ihr sie auch verwenden mögt. :)

7. Januar 2021

Derma Self Love Club - 11

Hey, ihr Lieben!
 
Wisst ihr, wer sich immer wieder neu mit seinem Skin Picking auseinandersetzt? Wer sich immer wieder neue Gedanken dazu macht und neue Methoden entwickelt, um der Krankheit zu begegnen? Und wer meiner Meinung nach so oft wahnsinnig wertvolle Dinge zu sagen hat? Janika! Sie erzählt euch innerhalb dieser Postserie ganz offen von ihrer eigenen Geschichte mit der Dermatillomanie. Und wenn ihr am letzten Post Gefallen gefunden habt, dann werdet ihr auch diesen Post mögen, denn Janika hat auch eine sehr interessante Methode, die sie euch vorstellen möchte.


"Hallo zusammen! :) 
 
Ich hoffe, es geht euch allen gut! :)
 
Heute möchte ich mit euch eine Strategie teilen, die dafür gedacht ist, das Skin Picking zu kontrollieren. Es ist keine präventive Maßnahme, die eine Episode vorbeugen kann, sondern sie richtet sich an eine bereits ablaufende Episode, die durchbrochen werden soll.
 
Ich habe es bisher einmal geschafft, eine sehr intensive Skin Picking Episode dank dieser Maßnahme zu beenden. Es war auch das erste Mal, dass ich überhaupt darauf zurückgriff, die Idee dazu hatte ich nämlich schon etwas weiter zurück in der Vergangenheit. Ich hatte auch meinen Therapeuten darauf angesprochen und er hielt es für eine sehr wertvolle Strategie, da sie mit einer puren Konfrontation von den typischen Gefühlen der Anspannung verbunden ist und es zum Ziel hat, diese auszuhalten. 
 
Also, was habe ich getan? Bereits einige Wochen zuvor habe ich mir erneut darüber Gedanken gemacht, wie ich es schaffen könnte, eine Skin Picking Episode zu durchbrechen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber in Momenten des Skin Pickings selbst fällt mir diese Rationalität schwierig. Dann bin ich zu sehr von meinen Emotionen überwältigt, sodass ich von jeglicher Logik abgeschnitten scheine. 
 
Meine Idee war nun die Folgende: Meine Dermatillomanie wird sehr stark von einem „Just-right“-Drang geprägt. Wie viele andere Zwangserkrankte auch, ist dieses Unvollständigkeitserleben an der Tagesordnung: Ein Zwang muss so lange wiederholt werden, bis er sich „richtig“ anfühlt. Es ist eine quälende, innere Unzufriedenheit mit den Zwangshandlungen, wodurch man diese wiederholen bzw. auf lange Zeit fortführen muss. Dieses „Genau-richtig-Gefühl“ ist wie eine zwangsstörungsspezifische Form des Perfektionismus. Beim Skin Picking tritt dieses Gefühl bei mir leider immer erst sehr spät auf. Meistens empfinde ich es erst, wenn die körperliche Erschöpfung hinzukommt. Dann kann ich mich so langsam davon überzeugen, dass es jetzt „genau richtig“ ist und das Gefühl schließt sich mit etwas Glück dieser Meinung dann kurze Zeit später an. 
 
Bei genauerer Reflexion ist mir dann jedoch bewusst geworden, wie sehr ich mich dadurch erneut meiner Erkrankung unterordne. Ich gebe dem Zwang die Verfügungsgewalt darüber, wann es soweit ist, aufzuhören. Nicht ich bestimme das Ende, sondern dieses Unvollständigkeitserleben bestimmt den Abschluss und das obwohl es doch überhaupt nur existieren kann, weil ich existiere. 
 
Somit wollte ich einen Plan entwerfen, wie ich dem Just-right-Erleben zuvorkommen kann. Dafür zeichnete ich mir eine Skizze, die ich unter dem Artikel noch einmal für euch abgebildet habe. Ich habe versucht, zu visualisieren, wie die Anspannungskurve während einer Episode verläuft. Da ist zunächst eine hohe Anspannung, die mich dazu verleitet, überhaupt erst in das Skin Picking abzurutschen. Dann nimmt die Anspannung sofort ab, ich gerate in einen Flow, durchströmt von Glücks- und Entspannungsgefühlen, teilweise so intensiv, dass ich von den Handlungen selbst gar nichts mitbekomme. Irgendwann komme ich dann an einen Punkt, der wie ein kurzes Erwachen ist. Mir wird zum ersten Mal bewusst, dass ich wieder abgerutscht bin. Ich konfrontiere mich mit der unschönen Wahrheit, dass ich wieder mittendrin stecke. Die Anspannung steigt auf ihren maximalen Wert, ich merke, dass ich hier nicht so einfach rauskomme. Ich weiß, dass ich erst mit dem Eintreten des Just-right-Gefühls die Episode abschließen kann. Die Haut wird weiterhin bearbeitet. Irgendwann tritt dann die körperliche Erschöpfung ein, die Anspannung sinkt. Das Just-right-Erleben tritt ein und ich beende die Episode. 
 
Doch nun folgt eine bittere Erkenntnis: Das Gefühl, das Skin Picking jetzt genau richtig ausgeführt zu haben, was sowohl die Intensität, als auch die Dauer betrifft, hält sich nicht lange. Manchmal nur einen Atemzug lang und dann geht es schon wieder weiter. Diesen Teufelskreislauf habe ich erst letztens wieder erlebt, als sich eine Episode über fünfeinhalb Stunden zog. Ich redete mir ein, dass ich es noch besser machen konnte, dass ich das Just right Gefühl noch mehr intensivieren könnte. So als hätte ich viel länger etwas davon, wenn ich es mir intensiver und kraftaufwendiger erarbeite. Ich wollte ein absolutes Hochgefühl erreichen, mit einer Erkrankung, die mich innerlich zerfrisst. Dieses Paradoxon kam mir plötzlich in den Sinn und ich erinnerte mich an meinen Plan, an meine Idee, die ich kurz unter der folgenden Divise zusammenfassen möchte: 
Unperfekt ist perfekt! 
Was meine ich nun damit? 
Ich habe mich selbst dazu gebracht, in einem Moment mit dem Skin Picking aufzuhören, in dem der Drang am stärksten war. Als ich in absoluter Gewissheit war, dass die Episode noch lange andauern würde. Ich erkläre dies einmal mit der Abbildung: Am absoluten Hochpunkt der emotionalen Anspannung habe ich mich aus dem Skin Picking befreit. Ich hatte den Gedanken an meinen Plan, die Kurve vor meinem geistigen Auge und ich erinnerte mich, dass es vielleicht einfacher für mich sein könnte, mit dem Skin Picking aufzuhören, wenn ich mittendrin stecke, wenn ich weiß, dass es weit davon entfernt ist, perfekt zu sein. Dadurch erhoffte ich mir, dass meine Ansprüche auf Perfektion sinken, denn ich wusste, ich habe das Ziel der Perfektion noch nicht gestreift und somit auch noch nicht von ihr gekostet. Ich habe mich, ein ganzes Stück, bevor es zum Just right kommen konnte, vom Spiegel entfernt. Die Gefühle der extremen Anspannung durchfluteten meinen Körper, ich ließ sie zu. 
 
Normalerweise endet eine Skin Picking Episode bei mir mit dem Gefühl, dass die Dauer und Intensität genau richtig waren. Ich empfinde im falschen Bewusstsein meine Handlungen als den Gipfel der Perfektion, als „besser hätte ich es nicht machen können“. Dadurch, dass ich die Handlung abschließe, ihr ein klares Ende zuweise, und mir somit auch noch selbst ein so wertvolles Feedback gebe, intensiviere ich in mir den Glauben, dass mir das Skin Picking guttut. Das eindeutige und von puren Glücksgefühlen durchströmte Ende einer Episode erhöht nur die Auftretenswahrscheinlichkeit einer weiteren Episode, die dann ebenfalls wieder ein eindeutiges Ende im Sinne des just right Erlebens braucht. Somit wächst die Abhängigkeit zu diesem Konstrukt und genau diese wollte ich mit meinem Plan durchbrechen. 
 
Das Skin Picking bewusst dann zu beenden, wenn das Unvollständigkeitsgefühl am größten ist, hat mit Konfrontation zu tun, die ich dringend notwendig habe. 
Es ist genau dieses hohe Anspannungsgefühl, das ich lernen muss, auszuhalten. Wenn ich eine Skin Picking Episode mit dem Gefühl der Perfektion abschließe wie es bislang der Fall war, keimt in mir sehr schnell das Gefühl heran, es kann noch besser werden oder aber auch, es gibt noch andere Hautstellen, die auch dieser Perfektion bedürfen. Wenn ich aber das Skin Picking mittendrin durchbreche, kann ich es vielleicht bald schaffen, die hohen Anforderungen sukzessive zu senken. Dann nehme ich meine Haut mehr so hin wie sie ist und kann damit leben. Denn immerhin weiß man ja so ziemlich gut von sich selbst, dass das Gefühl der Perfektion nur von kurzer Dauer ist, die nächste Episode kommt sowieso! Dann lieber nach alternativen und neuen Handlungsmustern schauen, in der Hoffnung, weiterzuwachsen, als sich immer wieder der gleichen Routine von Handlungen und Gefühlen hinzugeben! 
 
Bleibt stark,
 
eure Janika :)" 

26. Oktober 2020

Derma Self Love Club - 10

Guten Abend, ihr Lieben.

Wir sind bei dieser meiner Meinung nach sehr wertvollen Postserie inzwischen beim zehnten Teil angekommen! Wahnsinn! Im Januar 2019 hat dieses "Projekt" von mir und Janika begonnen und der erste Beitrag innerhalb dieser Serie fasst wunderbar zusammen, was Sinn des Ganzen ist, schaut daher mal hier rein, wenn ihr das noch nicht wisst. Kurz gesagt berichtet Janika als Skin-Picking-Betroffene von ihrer Geschichte, ihren Erlebnissen, Gefühlen und Gedanken. So kann sie ihre Worte mal niederschreiben und ihr mal eine andere Perspektive lesen als immer nur meine.

Auch heute hat Janika wieder einen sehr interessanten Beitrag zum Thema "Alleine wohnen vs. in Gemeinschaft wohnen" mitgebracht. Inwiefern ihre Erfahrungen dazu neue Erkenntnisse hinsichtlich des Skin Pickings hervorgebracht haben, lest ihr im Folgenden.


"Hallo zusammen,

heute möchte ich mich auch einmal wieder mit einem Beitrag bei euch melden. Es geht dabei um eine Erfahrung, die ich in den letzten Wochen machen durfte und da seitdem auch schon etwas Zeit vergangen ist, hatte ich auch bereits genügend Raum, diese Zeit zu reflektieren, um neue wichtige Erkenntnisse daraus zu generieren.

Vor kurzem hatte sich in meinem Leben eine bestimmte Situation ergeben, von der ich euch berichten möchte: Ein guter Freund von mir ist für zweieinhalb Wochen zu mir gezogen. Als der Einzug für diese Zeit sicher war, zeigten sich in mir gemischte Gefühle. Auf der einen Seite habe ich mich sehr darüber gefreut, da wir uns sehr gut verstehen und ich neugierig war, wie das Zusammenwohnen so für mich werden würde. Immerhin wohne ich nun schon seit ca. fünf Jahren so ziemlich kontinuierlich alleine und somit habe ich es als spannende Abwechslung empfunden, auf begrenzte Zeit dieses Muster einmal zu durchbrechen. Auf der anderen Seite meldeten sich in mir die altbekannten Zweifel: Wie werde ich diese neue Situation mit meinem Skin Picking meistern können? Vorab sollte gesagt sein, dass mein guter Freund zwar eine Menge meiner psychischen Probleme kennt, aber über die Dermatillomanie habe ich ihn bisher noch nicht aufgeklärt. Dies hat nichts mit fehlendem Vertrauen zu tun, ganz im Gegenteil. Es liegt einfach daran, dass wir, obwohl wir uns schon seit über sieben Jahren kennen, erst seit ein paar Monaten in engem Kontakt stehen. Ich halte es für sinnvoll, die Konfrontation mit der gesamten Palette meiner psychischen Themen sukzessive zu gestalten, ich möchte da nichts überstürzen und auch nicht überfordern.

Nichtsdestotrotz war ich stolz auf mich, dass ich dem Ganzen eine Chance gegeben hatte. Ich war mir von Anfang an bewusst, dass wenn ich auch in dieser Zeit mein Skin Picking nicht zurückhalten könnte, ich spätestens dann mit ihm darüber sprechen müsste. Das ist ja immer die Sache mit dem Skin Picking: Es hat eine starke visuelle Komponente, es manifestiert sich nicht nur in unserer Psyche, sondern leider auch sichtbar auf unserer Haut. Dann kam der Tag des Einzugs. Es geht hier gar nicht darum, diese Zeit im Detail wiederzugeben. Ich möchte mich auf die Momente begrenzen, in denen ich etwas über mich und meine Dermatillomanie lernen konnte.

Zunächst einmal möchte ich sagen, dass ich in diesen achtzehn Tagen nur ein einziges Mal eine moderate Skin Picking Episode hatte. Diese ging in etwa zwanzig Minuten. Natürlich war es für mich besonders schwierig, damit aufzuhören. Ich wusste, je länger ich mich dem Zwang hingebe, desto schwieriger wird für mich das „Danach“. Das „Sich-zeigen-müssen“, aber auch die emotionale Kontrolle. Somit konnte ich mich vom Spiegel losreißen, ich ging duschen und anschließend in mein Bett. Ich versuchte, die unangenehmen Gefühle zuzulassen, denn ich weiß aus Erfahrung, dass wenn man die Gefühle unterdrückt, sie irgendwann einen selbst unterdrücken. Somit ging es mir darum, das Gefühl auszuhalten und dieses Aushalten als einen persönlichen Wachstumsfaktor zu sehen.

Am nächsten Morgen zeigten sich kleine Spuren meines Verhaltens auf der Haut, aber es war in Ordnung. In diesem Moment war ich unglaublich dankbar, dass ich es geschafft hatte, mich aus dem Klammergriff des Skin Pickings zu befreien. Somit konnte ich mich die folgenden Tage weiterhin etwas selbstbewusster im Umgang mit mir selbst und meiner Haut zeigen.

Ein weiterer Schritt, den ich geschafft habe, war, dass ich mit Badezimmerlicht abends duschen gehen konnte! Bisher nutzte ich immer nur das Flurlicht als Lichtquelle für meine abendliche Badroutine. Ich hatte jedoch mit dem Gedanken gespielt, dass er vielleicht das Flurlicht ausmachen könnte. Da in meiner Badezimmertür ein kleines Fenster eingebaut ist, wäre dies schlecht gewesen. Dann hätte ich im Dunkeln gestanden oder er hätte durch das Fenster gesehen, dass ja gar kein Licht brennt. So oder so wäre es für mich eine unangenehme Situation gewesen, deswegen nutzte ich dieses Wissen und entschied mich für die Konfrontation: Badlicht an! Und es hat hervorragend funktioniert. Selbstverständlich durften mein Blick und meine Hände nicht intensiv über meine Haut wandern, aber das hatte ich erfreulicherweise gut im Griff! Ein weiterer Fortschritt für mich!

Alles in allem haben mir diese zweieinhalb Wochen gezeigt, dass es für mein persönliches Empfinden sehr viel ausmacht, ob jemand da ist oder ob ich allein bin. Ich hatte, abgesehen von diesem einen Abend, kein einziges Mal das Bedürfnis, an meine Haut zu gehen. Mein Geist war abgelenkt, ich hatte jetzt andere, wichtigere Dinge zu tun.
Ich habe mich danach gefragt, ob das Wissen, dass jemand physisch anwesend ist, eine Menge zur Gefühlsregulation beitragen kann? Bei mir scheint dies der Fall gewesen zu sein.
Seitdem ich wieder allein wohne, merke ich auch, dass das Skin Picking und auch die damit verbundenen Gedanken selbst wieder deutlich zugenommen haben. Der Fall von dieser schwerelosen Zeit hin zum „Jetzt“ ist schmerzhaft. Auch, wenn ich nicht an Heilung in diesem Sinne glaube, hatte ich in der Zeit des Zusammenwohnens das Gefühl, etwas von ihr gekostet zu haben. Ich bin dankbar für diese Erkenntnisse, sie haben mir erneut gezeigt, dass sich das Skin Picking gerne in mir breit macht, wenn ich geistig nicht optimal ausgelastet bin. Dann wittert es diese Gelegenheit und schnappt zu! Mit diesem Wissen kann ich nun nach neuen Beschäftigungen suchen, ich bin gespannt!

Liebe Grüße,
eure Janika"
 
 
Wie ist das bei euch? Habt ihr ähnliche Erfahrungen machen können? Wie wirkt es sich bei euch aus, alleine zu wohnen bzw. mit einer anderen Person zusammen, die nicht eurer Familie angehört? Bevorzugt ihr das Eine oder das Andere? Erzählt es uns gerne.

9. August 2020

Derma Self Love Club - 9

Ein sommerlich-sonniges Hallo!

Es ist wirklich ungeheuer heiß, oder? Ich hoffe, ihr überlebt die Hitze alle einigermaßen gut und könnt die Sonne auch ein wenig genießen - sei es auf dem Balkon, im Garten, im Park oder sonstwo. Für die Momente, in denen ihr euch aber möglicherweise zuhause vor dem Ventilator einigelt, habe ich neuen Lesestoff mitgebracht! Janika hat euch zuletzt im April von einem sehr intimen Erlebnis erzählt und dieses Mal wird es um etwas gehen, das ihr unter die Haut gegangen ist. Undzwar wortwörtlich. Viel Spaß beim Lesen!


"Hallo zusammen,

in meinem heutigen Beitrag soll es um ein etwas persönlicheres Thema gehen, das aber auch eine Brücke zu dem Thema Skin Picking schlägt. Ich möchte euch meine Tattoos vorstellen und euch die jeweilige Geschichte dahinter erzählen. Zuvor nenne ich euch jedoch einmal kurz und knapp meine persönlichen Gründe, warum ich mir Tattoos stechen lassen.

Zunächst einmal ist ein Tattoo für mich ein Ausdruck der Individualität und Persönlichkeit. Ein Tattoo erzählt eine Geschichte, es kann zum Beispiel ein Ereignis, eine Lebensphase, aber auch eine (innere) Einstellung widerspiegeln. Und über die Haut eine Geschichte zu erzählen, das kennen wir Skinpicker ja sehr gut... Daran anschließend ist ein Tattoo für mich vor allen Dingen eine Art Therapie, eine Möglichkeit, etwas zu verarbeiten. Es dient als Kraftsymbol, Motivation und Mantra. Ihr seht später, wie ich Dinge in meinem Leben mithilfe der Tattoos verarbeite. Außerdem zeigen Tattoos Beständigkeit und Commitment. Sie sind ein Ausdruck des Menschen und ein Zeichen der kreativen Selbstdarstellung.

Für alle, die daran etwas zu kritisieren haben: Mein Körper ist mein Tempel. Er gehört nur mir und ich kann ihn gestalten, wie ich das möchte. Ein Tattoo ändert nicht, wer ich bin. Es macht mich nicht netter, nicht fieser, nicht schlauer und auch nicht dümmer.


So, kommen wir zu meinen Tattoos. Ich habe bislang (!) sechs Tattoos. Meine ersten beiden Tattoos habe ich mir im Januar 2018 stechen lassen und es sind die Folgenden:

Semikolon am rechten Handgelenk

Sternzeichen Steinbock unten am linken Bein außen


Kommen wir zunächst zu dem Semikolon. Diejenigen von euch, die sich in der Tattooszene etwas besser auskennen, werden das Symbol und seine Bedeutung bestimmt kennen: Es entspringt dem „Semicolon Project“, einer Organisation, die mit diesem Motiv all denjenigen gedenkt, die mit Ängsten, verlorener Liebe, Selbstverletzungen, Depressionen, Gewalt, Suizidgedanken und Selbsthass kämpfen. Die Idee zu diesem Symbol geht auf diesen Gedanken zurück: „Ein Semikolon wird genutzt, wenn ein Autor seinen Satz eigentlich hätte beenden können, aber gewählt hat, es nicht zu tun. Der Autor bist du und dieser Satz ist dein Leben.“ Es ist ein sehr ausdrucksstarkes Symbol und eine tagtägliche Erinnerung an die Erfolge, die man bislang schon geleistet hat: Immer noch hier zu sein, gegen den inneren Schmerz anzukämpfen und immer noch zu dem Leben in seiner ganzen Fülle „Ja“ zu sagen. Natürlich retten Tattoos keine Leben, aber jeder noch so kleine Schritt, über psychische Gesundheit zu sprechen, ist gut und hilft, ein öffentliches Bewusstsein zu schaffen.

Kommen wir zu meinem zweiten Tattoo: Dies ist mein Sternzeichen, der Steinbock. Das Sternzeichen wird jedem Menschen mit seiner Geburt mitgegeben und nimmt vor allen Dingen eine komplementäre Funktion zu meinem Semikolon ein: Während das Semikolon eher die dunklen Tage repräsentiert, erinnert mich der Steinbock an meine Kindheit, an die schönen Tage, die ich in meinem Leben haben durfte und auch immer wieder haben darf.


Knapp ein Jahr später (Januar 2019) habe ich mir drei weitere Tattoos stechen lassen.

"One step at a time" am linken Unterarm

BFRB-Schleife mit Herz am linken Handgelenk

Malinspfeil am rechten Fuß


Das erste ist der Schriftzug „One Step At A Time“. Mit diesem Tattoo tätige ich die klare Aussage, dass nur ICH die Größe meiner Schritte bestimme. Ich habe in der Vergangenheit oft die Erfahrung gemacht, dass andere Menschen sich das Recht herausnehmen wollten, zu bestimmen, welche Schritte ich gehe und in welchem Tempo. Dies bezog sich vor allen Dingen auf den Verlauf meiner Krankheit. Das Ganze wurde mir irgendwann zu viel, ich bin in einer stillen Minute zu der Erkenntnis gekommen, dass es meine Aufgabe ist, die Schritte in meinem Leben zu bestimmen und somit auch ihre Größe. Viele Schritte, die ich jeden Tag gehe, sind für manche Menschen so klein und so unbedeutend, dass diese in ihrer Sprache wahrscheinlich nur „1/3 Schritte“ oder noch weniger wären. Für mich kann jedoch morgens aufzustehen, trotz schrecklich gedrückter Stimmung den Tag anzugehen, ein viel größerer Schritt sein. Ich habe da meine eigene Währung und ich achte nicht mehr darauf, welchen Erfolg und Wert meine Handlungen und Fortschritte in der Welt meiner Mitmenschen haben. Es geht um meine Welt und das zeigt mir mein Tattoo jeden Tag.

Mein viertes Tattoo ist die bekannte BFRB-Schleife. Sie steht wohl am meisten in direktem Bezug zum Skin Picking. Das kleine Herz unter ihr zeigt, dass das Skin Picking zu meinem Wesen gehört und dass ich niemals mich selbst oder einen anderen Menschen mit einer psychischen Erkrankung weniger lieben werde als ohne. Da ich die Schleife farblich nicht augefüllt habe, erfüllt sie auch – um ein paar Ecken gedacht – einige weitere Funktionen: Sie ist ein Solidaritätssymbol, mit dem ich zeige, dass ich in Gedanken auch bei ganz vielen anderen Menschen bin: Die rote Schleife umfasst die Gruppe von AIDS-Kranken und HIV-Infizierten, die gelbe Schleife hingegen drückt die Unterstützung von Soldaten und Militärangehörigen aus (ich empfehle auf diesem Wege, einmal in das Lied „Tie A Yellow Ribbon Around The Old Oak Tree“ reinzuhören) oder die White Ribbon trägt zur Beendigung der Männergewalt in Beziehungen bei. Da könnt ihr euch gerne bei weiterem Interesse online informieren.

Mein viertes Symbol ist der Malinspfeil, ein schwedisches Symbol, das einen Teil des täglichen Kampfes mit Skin Picking reflektiert. Stellt euch vor, ihr spannt einen Bogen, um einen Pfeil zu schießen. Damit dieser nach vorne eilen kann, muss er zunächst nach hinten gezogen werden... und genau so ist es auch im Leben: Wenn wir Fortschritte machen, sollten wir dies in dem Bewusstsein tun, dass es auch immer wieder zu Rückschlägen kommen kann. Lange Zeit war ich mir dieser Tatsache nicht bewusst, ich war jedes Mal am Boden zerstört, wenn es zu einem erneuten Zusammenbruch kam. Heute weiß ich, dass ich Probleme im Leben gebrauchen kann, um weitermachen zu können. Der Malinspfeil erinnert mich daran.

Orchideen mit dem Buchstaben H


Und somit kommen wir auch schon zu meinem letzten Tattoo, den Orchideen, an deren Stängel sich der Buchstabe „H“ befindet. Dieses Tattoo ist das Einzige, das nicht in einem Bezug zu meinen psychischen Erkrankungen steht, trotzdem möchte ich euch seine Geschichte nicht vorenthalten. Mit diesem Tattoo danke ich meiner Oma Helga, die am 09.07.2018 von uns gegangen ist. Meine Oma ist ein ganz großartiger Mensch und ich möchte nicht erzählen, wie sie von uns gegangen ist, denn viel wichtiger als das ist die Frage, wie sie gelebt hat.

Meine Oma hat sich in meinem Leben sehr viel um mich gekümmert und ganz besondere Spuren auf meiner Seele hinterlassen. Sie war meine große Inspiration und als sie 2008 ihre Alzheimerdiagnose bekam, habe ich bis zu ihrem Todestag versucht, ihr all die Liebe und Aufmerksamkeit wiederzugeben, die sie mir in meinem Leben so selbstlos zu Teil werden ließ. Ihre und auch meine Lieblingsblumen sind Orchideen, ein Motiv, das auch ihre Beerdigung durchzogen hat. Es ist wie ein Leitmotiv unserer Beziehung und mit ihnen möchte ich ausdrücken, wie sehr ich – insbesondere – die psychische Schönheit meiner Oma bewundere.


Das sind meine Tattoos. Mein Wunsch ist es, meine besondere Sammlung bald wieder zu erweitern. Da schwebt mir auch schon ein ganz besonderes Motiv vor, mal sehen, wann es dann soweit ist. :)

Habt ihr Tattoos und vielleicht sogar welche, die euch helfen, das Skin Picking zu verarbeiten? Ich bin gespannt!


Ich verbleibe mit den besten Grüßen,
Eure Janika
"

5. April 2020

Derma Self Love Club - 8

Guten Nachmittag. :)

Ich möchte dieses Mal gar nicht viel sagen, weil Janika, die innerhalb dieser Postserie von ihrem Leben mit dem Skin Picking erzählt, umso mehr zu teilen hat. Sie gibt euch im "Derma Self Love Club" immer wieder Teile ihrer Geschichte preis und bei diesem Part wird es besonders persönlich. Falls ihr Lust habt, von einem positiv emotionalen Erlebnis zu lesen, dann seid ihr hier richtig. Als ich die Zeilen gelesen habe, habe ich intensiv mitgefühlt und mich an ähnliche Situationen in meinem Leben erinnert. Stimmt euch darauf schonmal ein, dann gebe ich das Wort ab.

"Hände

Hallo zusammen,

heute melde ich mich einmal wieder mit einem Beitrag zurück, denn die letzte Woche über ist etwas Besonderes in Bezug auf mein Skin Picking passiert, das dann vorgestern Abend seinen wirklich krönenden Abschluss gefunden hat und dies möchte ich nicht unerzählt lassen.

Also, was ist passiert? Seit nun über zweieinhalb Jahren bin ich aufgrund meiner Dermatillomanie „Dauerhandschuhträgerin“. Ich trage diese Einmalhandschuhe rund um die Uhr, denn sie stellen für mich die notwendige Barriere da, damit mein Skin Picking nicht dauerhaft in längere und unkontrollierte Episoden ausartet. Ich muss das etwas konkretisieren. In den Anfängen war ich rund um die Uhr darauf angewiesen, also sowohl, wenn ich allein war, als auch wenn ich in Gesellschaft war. Nur in Situationen, in denen ich das Tragen der Handschuhe wirklich gar nicht hätte erklären können, zog ich sie aus und das ging dann mit einer extremen inneren Anspannung einher. Seit gut einem Jahr schaffe ich es mittlerweile aber, die Handschuhe nur noch dann anzuziehen, wenn ich allein bin. Sobald ich raus gehe, habe ich es mir erfolgreich angewöhnt, auch ganz gut ohne die Handschuhe auszukommen. Das ständige Tragen hat aber meine Hände wahnsinnig kaputt gemacht. Vielleicht gibt es unter euch auch Handschuhträger, die diese Problematik kennen: Die Haut wird rissig, die Hände fangen an zu brennen und anzuschwellen, sobald sie wieder mit Luft in Kontakt kommen und die Nägel sind brüchig. Hinzu kommt, dass mit der Zeit der Eigengeruch der Handschuhe in die Hände einzieht und da dann selbst regelmäßiges intensives Händewaschen und Eincremen nicht mehr ausreichend ist, den Geruch zu entfernen und die Hände gesund zu pflegen. Ich muss jedoch tatsächlich sagen, dass das für mich immer sehr kleine Risiken und Nachteile waren, die ich bereitwillig in Kauf nahm, denn die Handschuhe milderten meine dauerhafte Not etwas ab.

Kommen wir zum eigentlichen Thema meines Beitrags. Vor einer Woche passierte es dann. Ich weiß nicht wie und ich weiß auch nicht warum gerade jetzt, aber es war wie ein kleiner innerer Wandel, ein kleiner Anstoß meiner sonst so zerschlagenen Hoffnung. Eine Stimme flüsterte mir zu: „Du brauchst sie jetzt nicht mehr!“. Ich schaute auf meine Hände hinab und streifte die Handschuhe von den Händen. Ich erwartete die übliche Anspannung, Sorge und das Kribbeln, aber nichts passierte. Ich setzte mich an meinen Laptop und erledigte Unikram, immer noch passierte nichts. Der Impuls war besänftigt, er trieb mich nicht dazu an, zu knibbeln, kratzen oder Ähnliches. Er hielt sich im Hintergrund und konnte ausgehalten werden.

Das ist nun eine Woche her. Natürlich bin ich alles andere als skinpickingfrei, aber ich habe nicht mehr das Gefühl, dass die Handschuhe die optimale Lösung sind. Die Haut meiner Hände hat sich regeneriert, sie ist wieder softer und meine brüchigen Nägel kommen langsam wieder in ihre ursprüngliche Form zurück.

Auch im Schlaf… kein Skin Picking. Ich habe lange Zeit im Schlaf Skin Picking betrieben, einer der Gründe, warum ich damals mit den Handschuhen angefangen habe. Ein guter Gedanke, ein schützender Gedanke, der etwas aus dem Ruder gelaufen ist, da sich die Gewohnheit dann auch auf den Tag ausgebreitet hat. Jetzt kann ich ohne Handschuhe schlafen. In den ersten Nächten hielt ich sie zur Beruhigung noch in meinen Händen, als ein kleiner Anker, der mir zeigte, dass wenn die Not wächst, ich die Handschuhe sofort griffbereit habe. Ein emotionaler Gegenstand, der nach und nach seine fordernden Qualitäten verliert.

Eine Ausnahme muss ich nun jedoch der Vollständigkeit halber ansprechen. Auf die Handschuhe bei der abendlichen Körperpflege, also vornehmlich beim Duschen, war ich weiterhin angewiesen. Mein Tattoo „One Step At A Time“ hat mir in Erinnerung gerufen, dass ich mich nicht übernehmen möchte. Mein Gefühl sagte mir, dass ich beim Duschen, einem Pflegeritual, bei dem man seinem Körper besonders nahe ist, noch auf Nummer sicher gehen sollte. Das war total in Ordnung für mich, denn was ich in den letzten Tagen geschafft hatte, ist einfach nur großartig, oder? Dann kam der vorgestrige Abend. Ich ging schon in die Küche, um meine Handschuhe für das Duschen zu holen, da hielt ich an. „Es ist soweit!“. Ich ging, ohne meine Handlung zu beenden, in das Badezimmer und stieg in die Dusche. Ich schaute auf meine nackten Hände, die die Duschtür schlossen und an der Armatur die Temperatur und Stärke des Wasserstrahls einstellten. Und dann kam der Moment. Ich ließ das Wasser, erst zögerlich, dann immer selbstsicherer, über meine Hände fließen. Es war unglaublich. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, wie es sich anfühlt, wenn das Wasser aus einem Duschkopf über meine nackten Hände läuft. Ich hatte den Eindruck, dieses Gefühl vergessen zu haben, es fühlte sich so an, als wären meine Hände noch nie so berührt worden. Es war ein leichtes Prickeln und ich merkte, wie sich ein neuronales Feuerwerk in meinem Kopf entfachte. Es war eines der ehrlichsten Gefühle, die ich seit Langem gespürt habe und ich war so stolz auf mich. Stolz auf sich selbst zu sein, kann ein so gesunder Nährboden für Weiteres sein. Ein Motivator. Und diesen spürte ich schon sofort. Ich ging einen Schritt weiter und fuhr mit meinen Fingern über die Düsen des Duschkopfes. Die kleinen Unebenheiten brachten mich zum Lächeln. Ich fuhr vertikal über die Fläche, dann horizontal und anschließend drehte ich mit meinen Händen immer wieder kleine Kreise, kleine Wirbel, so lange bis ich anfing zu weinen. Ich weinte vor lauter Freude und Dankbarkeit. Ich weinte, weil ich nicht gedacht hätte, dass ich es jemals schaffen würde, eine so starre und hartnäckige Gewohnheit abzulegen und das ohne den Eindruck, ich müsste einen ebenso starren und hartnäckigen Widerstand leisten. Es geschah natürlich und fühlte sich natürlich an.

Das, was da passierte, war ein Schritt zurück zu mir selbst. Das, was viele Menschen ohne großes Nachdenken alltäglich schaffen, musste ich mir über zweieinhalb Jahre zurück erkämpfen. Zweieinhalb Jahre, um wieder dahin zurückzukommen, was auch ich über neunzehn Jahre einfach so konnte. Ich habe mich anschließend gedanklich provoziert und mir selbst das Angebot gemacht, wieder zu meinem Status Quo zurückzukehren. Aber nein, nichts in mir sehnte sich nach den Handschuhen und tut es auch immer noch nicht. Ich hoffe, dass ich noch eine Weile an dieser Süße des Lebens teilnehmen darf.

Ich habe auf die sanfte Art und Weise eine Lektion gelernt: Wir müssen nicht ständig Widerstand leisten, um stärker zu werden und unseren Zielen näherzukommen. Manchmal besteht der Schlüssel zum Erreichen etwas Größerem darin, dass wir es einfach ruhen lassen. Dann kommt es eines Tages von ganz allein. Es hat bei mir an die tausend Tage gedauert, tausend Mal der Versuch, sich gegen mich zu stellen, um normaler zu sein, um gewöhnlicher und anständiger zu wirken. Und als ich versucht habe, nicht mehr eine potentiell bessere Version von mir wie wild zu jagen, kam sie von ganz allein und richtete sich in mir ein Zuhause ein. Die Unterkunft ist noch nicht fertig, aber sie wird von Tag zu Tag gemütlicher und ich würde mich freuen, wenn es eine „handschuhfreie Zone“ wird. Aber ich hetze nicht mehr danach. Kein Wunder, ein scheues Waldtier kommt erst recht nicht, wenn man Gewehre darauf richtet. Die Lösung liegt in der Sanftmut und in der Milde, insbesondere sich selbst gegenüber, dann fallen die Dinge manchmal von ganz allein zusammen.

Fühlt euch gedrückt,
eure Janika"

27. Januar 2020

Derma Self Love Club - 7

Halli hallo hallöchen.

Viel zu lange gab es keine Fortsetzung dieser Postserie, in der ihr die Gedanken- und Gefühlswelt der lieben Janika (ebenfalls von Skin Picking betroffen) näher kennenlernen dürft. Der letzte Teil erschien im September und weil ich das Gefühl hatte, "zu wenig" eigenen Inhalt zu produzieren, habe ich erstmal eine kleine Pause mit dem Derma Self Love Club einlegen wollen. Wie auch immer das passieren konnte, dass aus der vermeintlich kleinen Pause mehr als vier Monate werden konnten... Zum Glück gibt es heute neue Inspiration von Janika, die sich zuletzt mit einem Buch beschäftigt und daraus eine kleine Erkenntnis gewonnen hat, die in meinen Augen unverzichtbar ist. Lest weiter, wenn ihr euch dafür interessiert. Ich für meinen Teil fand es wunderbar erholsam, das zu lesen!


"Hallo zusammen,

ich habe neulich das ganz wunderbare Sachbuch „Mach mal halblang. Anmerkungen zu unserem nervösen Planeten“ von Matt Haig gelesen und bin da auf eine ganz zentrale Erkenntnis gestoßen*, wobei ich mir es nicht nehmen lassen möchte, euch hier von dieser zu erzählen. Diese Erkenntnis hat mit unserer Selbstwahrnehmung und den Bewertungsmöglichkeiten unserer Selbstbetrachtungsweisen zu tun, dies lässt sich perfekt auf das Skin Picking beziehen.

Matt Haig berichtet von der wichtigen Einsicht, dass wir grundsätzlich zwischen dem Gefühl und unserer körperlichen Erscheinung unterscheiden müssen. Was bedeutet das? Wenn wir mit uns selbst unzufrieden sind, also nicht im Reinen stehen, dann gibt es zwei Wege, über diese Unzufriedenheit nachzudenken und somit auch zwei Wege, wie wir reagieren können.

Wenn wir unsere Gedanken primär auf unsere körperliche Erscheinung beziehen und mit dieser am hadern sind, haben wir die Möglichkeit, etwas an dieser zu verändern. Wir können fünf Kilo abnehmen, uns die Nägel machen lassen, die Haare färben, Schichten von Make-Up auftragen oder weitere Maßnahmen ergreifen, die Beautyindustrie setzt unseren Vorstellungen da keine Grenzen.

Wir können aber auch gegenteilig reagieren, indem wir nicht an unserer körperlichen Erscheinung arbeiten, sondern an dem Gefühl, das der Veranlasser für unsere Unzufriedenheit ist. „Was macht uns glücklicher und gesünder, fünf Kilo abzunehmen oder unser schädliches Selbstbild zu verändern?“. Dieser Forschungsfrage widmete sich Professor Pamela Keel von der Florida State University und sie kam zu einem Ergebnis, das Bände spricht: Die Veränderung unseres Aussehens macht uns nur selten langfristig zufrieden. Zufriedenheit evozieren wir viel eher, wenn wir etwas an der Einstellung verändern, die uns zu diesen Selbstzweifeln führt. Wenn wir uns weniger wegen unseres physischen Erscheinungsbildes unter Druck setzen, profitiert nicht nur unsere Psyche davon, sondern auch unser Körper, denn der Körper hört immerhin alles, was der Kopf sagt. Wenn wir unseren Körper zu einem Zuhause machen, in dem wir gerne wohnen, dann setzten wir uns weniger unter Druck und können vor allen Dingen die Waffen niederlegen, die die Feindschaft zu unserem Selbst definieren.

Natürlich weiß ich als Betroffene der Dermatillomanie sehr gut, wie sehr da die Theorie und Praxis auseinanderklaffen. Und diese Gedanken, die ich mit euch teile, sind keinesfalls die ultimative Lösung. Aber sie sind ein Nährboden, auf dem Gedanken fruchten können, die uns zu mehr Selbstliebe, Selbstrespekt und Selbstakzeptanz führen können.

Und sollte es euch nicht möglich sein, von diesen Erkenntnissen umgehend etwas mitnehmen zu können, dann habe ich hier immerhin noch eine weitere wertvolle Inspiration für euch. Sie kommt von Alice Walker: „In der Natur ist nichts perfekt und alles ist perfekt. Bäume können noch so krumm sein und seltsam geformt, aber sie sind immer schön.“

Du bist es auch.

Janika


*Haig, Matt: Mach mal halblang. Anmerkungen zu unserem nervösen Planeten, München: dtv. (S.70f.)"

6. September 2019

Derma Self Love Club - 6

Einen schönen guten Morgen wünsche ich euch!

In dieser Postserie (alle Teile hier zu finden) berichtet Janika, eine liebe Freundin und Betroffene, von ihren Erfahrungen mit Skin Picking. Heute soll es um einen typischen Tag mit Skin Picking gehen - Janika lässt euch dafür in ihren Kopf schauen und schildert anhand einer dialogischen Form ihre Gedanken. Führt ihr auch solche "Gespräche" mit eurer Dermatillomanie? Könnt ihr nachempfinden, wovon Janika erzählt? Ich finde diesen Perspektivwechsel sehr spannend und müsste meine Gedankenmuster mal daraufhin analysieren.

Bevor es losgeht, möchte ich eine Triggerwarnung geben: Wer betroffen ist und sich von Beschreibungen dieser Art getriggert fühlt, möge darauf hingewiesen sein und diesen Beitrag bei Bedarf gerne überspringen!


"Ein Tag in meinem Kopf

Das Gespräch mit der Dermatillomanie findet in meinem Kopf statt.
Der graue Text gibt die Redeanteile der Dermatillomanie wieder.
Dies ist eine um ein vielfaches gekürzte Version. Da ich nicht zu sehr triggern möchte, habe ich stärkere Gedanken hier weggelassen.

Ein neuer Tag beginnt. Ich wache auf. Ich mag die Ruhe vor dem Sturm. In den ersten paar Sekunden an einem neuen Tag empfinde ich keinerlei Zwang. Ich bin frisch im Kopf. Dann klopft sie an.
Wie war das eigentlich? Hast du gestern viel gedrückt? Stimmt, gestern Abend vor dem Duschen. Das müsste man heute doch dann fühlen. Lass uns mal am Kinn anfangen.
Sei ruhig! Ich will nicht schon gleich am Morgen drücken, dann ist der ganze Tag wieder dahin! Ich muss mich dann hier in meiner Wohnung verkapseln. Bitte heute einmal nicht.
Naja, wenn du eine passendere Ablenkung findest, etwas, das dir mehr Spaß macht und Entspannung bringt als ich, dann bitte.
Ich atme tief durch, ziehe mir die Decke über das Gesicht, spanne einmal meine Fäuste an und stehe dann auf. Ich ziehe mich an. Ich stehe mit einer Distanz zum Spiegel, erkenne aber trotzdem die Krusten, die sich über Nacht gebildet haben. Ich versuche sie zu ignorieren, indem ich mich auf das fokussiere, was ich mir für den Morgen vorgenommen habe. Solange ich beschäftigt bin, höre ich keine Stimme. Als ich mit meiner Arbeit fertig bin, meldet sie sich sofort.
Na hör mal, du hast die letzten Aktivitäten durchgeführt mit Krusten in deinem Gesicht! Die gehören da doch nicht hin. Stell dir vor, du kannst sie verschwinden lassen. Ich verspreche dir, ich bin ruhig, wenn du jetzt einmal an den Spiegel gehst.
Nein, das werde ich nicht. Meine Haut hat mir nichts getan und du bringst mich auch nicht dazu, anders darüber zu denken.
Wie du meinst. Dann sorge ich nun dafür, dass du die gaaanze Zeit an nichts anderes denken kannst als an deine Haut. Haut. Haut. Haut.
Ich gehe mit meinen Fingern, die in einem Latexhandschuhe stecken, über meine Haut. Ich pausiere an Unebenheiten. Ich nehme mein Handy und betrachte das Spiegelbild. Ich ziehe meine Hand aus dem Handschuhe und knibbel ein paar Minuten. Ich kann mich befreien und stecke meine Hand zurück in den Handschuh.
Guck, das war doch gar nicht so schwer. Ich gebe dir dafür drei Sekunden, die du an etwas anderes denken kannst.
Ich fühle mich für drei Sekunden stark. Wie befreit.
Du hast gerade Haut weggeknibbelt. Willst du nicht mal im Spiegel nachschauen, was daraus geworden ist?
Es ist nichts passiert. Knibbeln reicht für den Moment. Vor dem Spiegel verführst du mich nur wieder zum Quetschen. Lass mich in Ruhe.
Dann durchflute ich deinen Körper nun mit einem tierisch anspannenden Gefühl.
Ich weiß, das ist ja nichts Neues. Ich fange an zu weinen. Ich denke mir, wenn ich nur einmal quetsche, habe ich etwas Ruhe. So wenig Aufwand für so ein tolles Ergebnis! Alle meine Vorsätze, Vorteile vom Widerstehen und positiven Argumenten gehen in der Flut der verführerischen Gedanken unter. Ohne noch einen Konter geben zu können, bin ich vor dem Spiegel gefangen.
:) Danke.
Siehst du?
Dank mir fühlst du dich besser.
Ich wache aus der Trance auf und reiße mich vom Spiegel weg. Nein, dank dir geht es mir schlechter, du trügst mich! Meine Haut brennt, ich weine und verkrieche mich unter der Decke. Nach dem ersten Schock suche ich Ablenkung und kann für einige Zeit meine Dermatillomanie vergessen. Ich denke nur in Bruchstücken an sie und dann als etwas, das ein Teil von mir ist. Aber auch als etwas, das ich hundertprozentig mit dieser Quetschepisode abgeschlossen habe. Jetzt ist meine Haut genügend bearbeitet. Juhu, ich muss nie mehr quet...
Hier bin ich wieder. Bist du dir sicher, dass du ambitioniert genug warst? Hast du sicher alle verdächtigen Stellen genügend gedrückt?
Ich gehe im Geiste die vorangegangene Episode durch. Ich merke, dass ich bei einer Stelle vielleicht nicht gründlich genug war.
Ich helfe gerne. Also, wollen wir noch mal?
Ich lasse mich erneut vor den Spiegel ziehen. Erst nach Stunden höre ich auf und gehe mit Herzschmerzen und mit einer innerlichen Leere unter die Dusche. Nach der Dusche fühle ich mich innerlich gereinigt und kann etwas Entspannung empfinden. Ich gehe ins Bett, schaue noch etwas fern und schließe die Augen.
Gute Nacht, bis morgen!

Fühlt euch gedrückt
Eure Janika"

30. Juni 2019

Derma Self Love Club - 5

Guten Abend!

Aufgrund meiner extrem geringen Zeitreserven bringe ich euch heute einen neuen Post dieser Serie mit, in der die liebe Janika euch etwas erzählt. Ich will auch gar keine großen Worte verlieren, sondern euch nur noch auf die bisherigen vier Teile aufmerksam machen, die ihr hier mit einem Klick findet und wo ihr beim ersten Teil auch nachschauen könnt, was es überhaupt mit dem Derma Self Love Club auf sich hat.


"Drei Säulen

Hallo zusammen,


ich melde mich auch einmal wieder mit einem kleinen Beitrag zurück. Ich habe mir in der letzten
Zeit vermehrt Gedanken dazu gemacht, wie Angehörige mit unserer Erkrankung umgehen können
bzw. auch ganz konkret, was mir dabei wichtig wäre. Dabei habe ich drei Säulen erarbeitet:
Anerkennung, Anwesenheit und Akzeptanz. Was ich genau damit meine, erläutere ich im
Folgenden:


Mit der Anerkennung beziehe ich mich auf die Anerkennung des Skin Pickings als eine psychische
Erkrankung. Uns Skin Pickern ist es wichtig, dass diese Verhaltensstörung nicht bloß nur als eine
schlechte Verhaltensweise abgestempelt wird, die vielleicht noch bestenfalls nach einiger Zeit schon
wieder von alleine verschwinden wird. Skin Picking ist eine ernstzunehmende Erkrankung, die
profunde Auswirkungen auf die Gestalung unseres alltäglichen Lebens hat. Menschen, die uns nur
dafür belächeln, verstärken nur die Abneigung und die Verurteilung, die wir gegenüber uns selbst
empfinden und wirken somit als Katalysator, vielleicht sogar als Brandbeschleuniger, was unser
weiteres Skin Picking anbelangt. Wir können verstehen, dass es schwierig ist, das nachzuvollziehen,
was wir jeden Tag machen. Es ist in gewisser Weise wirklich beinahe schon etwas widernatürlich,
denn ist es nicht einer unserer stärksten Triebe, uns selbst unversehrt zu wissen? Trotzdem geht die
Psyche des Menschen ihre ganz eigenen Wege und wir wollen ganz bestimmt niemanden damit
bestrafen. Wir wollen nicht undankbar wirken, unzufrieden und auch recht erst nicht eine
Provokation suchend. Skin Picking ist eine Erkrankung, eine Sache, die wir als Betroffene am Ende
mit uns selbst ausmachen müssen, da sollte es nicht um die Schuldfrage gehen. Wir brauchen eher
das Gegenteil, und damit komme ich zu Punkt 2.


Mit dem zweiten Punkt, der Anwesenheit, beziehe ich mich insbesondere auf die physische Präsenz.
Wenn es uns schlecht geht, und das ist ja häufig gerade nach einer Skin Picking Episode der Fall,
freuen wir uns, wenn jemand da ist, der das Geschehene nicht kommentiert, sondern uns einfach
signalisiert, dass er für uns da ist, ungeachtet des Umstandes, wie wir gerade aussehen. Ratschläge,
Kommentare und Analysen sind gewiss nett gemeint, sind aber in dem Moment nicht gerade das,
was wir brauchen. Gespräche werden in der Regel besser dann geführt, wenn man selbst wieder
etwas zu sich gefunden und sich gesammelt hat.
Eine einfache Umarmung, das Gefühl, immer noch gewollt zu sein, auch wenn man sich selbst
gerade gar nicht will, ist das vielleicht kostbarste Geschenk, was jemand uns in diesen Momenten
machen kann.


Kommen wir schon zum letzten Punkt, der Akzeptanz.
Hiermit meine ich, dass die Angehörigen es akzeptieren, wenn wir keine externe Hilfe in Anspruch
nehmen möchten bzw. generell den Weg akzeptieren, den wir mit unsere Erkrankung gehen
möchten. Ich persönlich habe mir bereits einige Male Hilfe geholt, muss aber persönlich sagen, dass
bislang kein Angebot mir wirklich (langfristig) helfen konnte. Viele Angebote haben mich bislang
verunsichert; die Erfahrung, dass man sich Hilfe holt und feststellen muss, dass sie nicht ankommt
bzw. von der Psyche nicht angenommen wird, ist schmerzhaft. Damit möchte ich nicht entmutigen! Ich rate jedem dazu, sich Hilfe zu holen!
Ich spreche jedoch auch für die, die den Weg gewählt habe, alleine mit ihrer Krankheit umzugehen
bzw. einen Umgang zu erlernen! Auf meinem Leben steht der Name "Janika", nicht der eines
Familienangehörigen, Freundes, Bekannten oder Arztes. Genauso steht mein Name auch nicht auf
deren Leben.


Danke für das Lesen!
LG Janika
"

Danke Janika für diese schöne und deutliche Zusammenstellung!

18. April 2019

Derma Self Love Club - 4

Ein sonniges Hallo von mir! :)

Eine ganze Woche habe ich wieder nichts von mir hören lassen. Mein Freund ist seit letzten Freitag bei mir und die Osterfeiertage stehen vor der Tür. Dazu noch dieses prachtvolle Wetter - das hilft meiner Stimmung definitiv!

Heute bringe ich euch einen neuen Beitrag von Janika mit. Wenn ihr völlig verpasst haben solltet, wer sie ist und was das hier überhaupt für eine Postserie ist, kann ich euch nur empfehlen, zunächst beim ersten Teil Halt zu machen. Dieses gemeinsame Projekt wird uns hier auf dem Blog glücklicherweise noch einige Zeit begleiten, wie es aussieht! Damit gebe ich das Wort ab und wünsche euch da draußen schonmal ein schönes Osterwochenende!


"Hallo liebe Community,

In diesem Artikel möchte ich ein Thema vertiefen, das Jacqueline bereits vor einiger Zeit (hier) einmal angesprochen hatte: Es geht um die Gewaltfreie Kommunikation.
Mir war dieses Modell kein Begriff, aber Jacquelines Artikel hat sofort mein Interesse evoziert und somit habe ich mich auf die Suche nach Literatur zu diesem Thema gemacht und wurde fündig. Heute möchte ich euch einige Erkenntnisse aus den Büchern „Was deine Wut dir sagen will“ und „Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens“ von Marshall B. Rosenberg vorstellen. Die Ideen stammen aus ebendiesen Werken, dessen vollständige Daten ihr am Ende dieses Artikels einsehen könnt.
Ich werde an dieser Stelle nicht erneut die Grundlagen der Gewaltfreie Kommunikation (GFK) vertiefen, dafür hat euch Jacqueline bereits einige Links zur Verfügung gestellt. Steigen wir direkt ein.


Rosenberg spricht von vier Schritten:

1. und 2. Schritt: Zunächst einmal ist es wichtig, dass wir zwischen dem Auslöser und der Ursache von Wut unterschieden. Da der Auslöser häufig mit der Ursache gleichgestellt wird, ist eine zerstörerische Wut eine so häufige Reaktion, die wir als Antwort auf etwas zeigen.
Doch was ist der Unterschied? Grob gesagt lässt sich dieser wie folgt definieren: Der Auslöser ist das Ereignis. Ereignisse sind zunächst einmal objektiv, ihr Geschehen ist mit keinen spezifischen Emotionen verbunden. Ein Auslöser ist somit aber nicht die Ursache von Wut, denn die Ursache von Wut ist unsere Bewertung des Ereignisses! Wie wir ein Ereignis sehen, ist subjektiv.
Laut Rosenberg, und das ist Schritt 2, ist es somit nicht einfach das, was Menschen tun, was uns wütend macht, sondern es ist unsere Bewertung dessen, was jemand getan hat.

3. Schritt: Genau jene Urteile, die wir uns über andere Menschen bilden, sind die Ursache unserer Wut, sie sind letztendlich entfremdete, verzerrte Ausdrucksformen unserer unerfüllten Bedürfnisse. Und somit sind wir bei Schritt 3: Der Essentialität der Bedürfnisse!
Wir sollten uns von der Beurteilung der Außenwelt fortbewegen und unsere Wahrnehmung auf unsere eigene Innenwelt fokussieren, um genau diese Bedürfnisse zu erkennen.
Laut Rosenberg sind wir in dem Moment, in dem wir mit unseren Bedürfnissen in Kontakt kommen, überhaupt nicht mehr wütend, denn in diesem Augenblick wird die Wut nicht unterdrückt, sondern in Gefühle umgewandelt, die unseren Bedürfnissen dienen.

4. Schritt: Im vierten Schritt lernen wir nun, uns mitzuteilen, das heißt, die drei Schritte, die wir innerlich erlebt haben, werden nun verbalisiert.
Dabei gibt es erneut vier Schritte: Erstens nennen wir unseren Auslöser für unsere Wut, also was hat die Person getan, wodurch verhindert wird, dass meine Bedürfnisse erfüllt werden?
Daraufhin drücken wir aus, was wir fühlen, wir transformieren unsere Wut in konkrete Gefühle.
Als drittes formulieren wir eine Aussage über unsere nicht zufriedengestellten Bedürfnisse, um dann abschließend eine klare, gegenwartsbezogene Bitte formulieren zu können: „Was brauchen wir von der anderen Person in Bezug auf unsere Gefühle und unerfüllten Bedürfnisse?“

Mit etwas Übung kann dann eine Verbindung zu den Motiven unseres Gegenübers aufgebaut werden und wir werden fähig, dieses Nachempfinden der Artikulation unserer eigenen Themen voranzustellen.
Nur auf diesem Weg können wir Empathie erwarten: Wir müssen zunächst selbst Empathie zeigen. Manchmal fällt dies schwierig, wenn wir zum Beispiel die Meinung unseres Gegenübers so gar nicht teilen oder uns etwas zu direkt wird. Aber wenn wir unseren Gesprächspartner nach seinen Motiven fragen, ermöglichen wir es ihm auch, eine Verbindung zu seinen Bedürfnissen einzugehen und seine Wut zu regulieren.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ich aus der Lektüre mitgenommen habe, ist, dass man andere Personen vollständig von jeglicher Verantwortung für die eigene Wut entbinden sollte.
Wir müssen uns vermehrt damit beschäftigen, unsere Urteile in Bedürfnisse zu übersetzen.
Dann haben wir einen wichtigen Schritt der GWK bereits erkannt und erfüllt!


Weitere schöne Gedanken, die ich aus der Lektüre mitnehme:

Es liegt in unserer Natur, einfühlsames Geben und Nehmen zu genießen.

In dem Moment, in dem Leute anfangen, über das zu sprechen, was sie brauchen, statt darüber, was mit dem Anderen nicht stimmt, steigt die Wahrscheinlichkeit, einen Weg zur Erfüllung aller Bedürfnisse zu finden, dramatisch an.

Wir können es uns als ein Lebensziel setzen, von emotionaler Sklaverei zu emotionaler Befreiung zu gelangen.
Im ersten Stadium, der emotionalen Sklaverei, übernehmen wir die Verantwortung für die Gefühle anderer Menschen. Somit erleben wir die Beziehung schnell als Last, da wir primär dafür leben, andere glücklich zu machen.
Im zweiten Stadium, dem rebellischen Stadium, ärgern wir uns. Wir wollen für die Gefühle anderer Personen nicht länger verantwortlich sein, müssen aber noch lernen, wie man sich Anderen gegenüber verantwortlich verhält, ohne sich emotional zu versklaven. Wir erkennen, dass Ehrlichkeit ein größeres Geschenk für andere darstellt, als sich ihnen anzupassen, um Ärger zu vermeiden.
Im dritten Stadium, der emotionalen Befreiung, übernehmen wir die Verantwortung für unsere Absichten und Handlungen. Wir reagieren auf die Bedürfnisse der anderen Menschen aus Mitgefühl heraus und können klar aussprechen, was wir brauchen undzwar im Einklang mit dem Wunsch, die Bedürfniserfüllung anderer Personen ebenso wie die eigene voranzutreiben.

Intellektuelles Verstehen blockiert unsere Empathie. Wir müssen den Verstand leer machen und mit dem ganzen Wesen zuhören, um Empathie zeigen zu können.

Menschen wachsen aus den lähmenden Folgen seelischer Schmerzen heraus, wenn sie genug Kontakt mit jemandem haben, der ihnen empathisch zuhören kann.

Welche Pflichten uns eher herunterziehen und welche Aufgaben am Ende doch eine Bereicherung sind, können wir durch eine einfache Übung identifizieren. Wir machen uns eine Liste mit all unseren Pflichten und stanzen diese dann in dieses Satzmuster: „Ich habe frei gewählt zu ___________________________, denn ich möchte _________________________.“
Sehen wir nun einen tieferen Sinn, eine Begründung, die beispielsweise nichts mit Geld oder Ansehen zu tun hat, können wir uns immer wieder daran erinnern, dass die Aufgabe uns etwas zurückgibt.


Für die Vertiefung oder weitere Informationen empfehle ich euch:
- Rosenberg, Marshall B. (2006): Was deine Wut dir sagen will. Überraschende Einsichten, 5. Auflage (2013), Paderborn: Junfermann Verlag.
und
- Rosenberg, Marshall B. (2001): Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens, 10. Auflage (eBook-Version 2011), Paderborn: Junfermann Verlag.

Ich grüße euch und fühlt euch gedrückt
Eure Janika"