3. Juli 2018

Gastpost - Part 7

Einen wunderschönen guten Abend, liebe Leser und liebe Gastpostfans!

Obwohl der letzte Gastpost nicht lange her ist, gibt es (zu meiner großen Freude) bereits heute den nächsten Teil. Dieser Teil ist sehr persönlich und auch wieder ziemlich ausführlich - d.h. es gibt wieder eine Menge an Erfahrungen einer betroffenen Person, die ihr hier lesen werdet. Ich hoffe, ihr lest diese Geschichte mit genauso viel Freude und Neugier wie die bisherigen Geschichten und ich hoffe auch, dass es mal wieder eine inspirierende Hilfe für euch sein wird! Für mich bleibt, was das angeht, nur noch Folgendes zu sagen: Ein großes Dankeschön an die Person hinter der Geschichte, die dafür sorgt, dass es eine weitere Fortsetzung dieser Postserie geben kann!

Wie immer weise ich euch auf das Label "EureGeschichten" hin, worunter ihr sämtliche Teile dieser Postserie finden könnt. Im ersten Teil gibt es zusätzlich eine Erklärung dazu, wie dieses Projekt entstanden ist und was es damit genau auf sich hat. Bevor ich das Wort aber endlich abgebe, schiebe ich noch kurz meinen Aufruf an euch ein:

Nun möchte ich euch als Betroffene ganz direkt ansprechen: Ihr habt niemanden zum Reden, möchtet aber trotzdem mal euer Herz ausschütten oder Frust rauslassen? Ihr traut euch nicht, selbst an die Öffentlichkeit zu gehen, möchtet aber dennoch, dass eure Geschichte von Menschen gelesen wird? Ihr habt ein paar tolle Tricks und Tipps oder einfach nur liebe Worte für Leidensgenossen, die ihr loswerden wollt? Ein eigener Blog wäre euch zu viel Arbeit, aber einen kleinen Post würdet ihr gerne verfassen? Dann meldet euch gerne bei mir! Schreibt mir eine E-Mail mit dem Betreff "Gastpost" an folgende Adresse: dermatillomanie-blog@web.de. Selbstverständlich dürft ihr auch Bilder mitsenden, wenn ihr das wollt. Ihr könnt dabei entweder von Anfang an namenslos bleiben oder mich darum bitten, euch zu anonymisieren. Ich werde euren Text dann unverändert innerhalb dieser Postserie veröffentlichen, sodass ihr selbst eventuelle Kommentare Anderer dazu lesen könnt.

 
"Hallo liebe Menschen da draußen,

ich freue mich sehr, hier und heute die Möglichkeit zu haben, meine Erfahrungen, Ängste und Gedanken mit Skin Picking zu teilen. Ich hoffe, ihr habt etwas Zeit, denn ich habe so viele Gedanken, die ich gerne mit euch teilen möchte, denn so können wir lernen, dass wir nicht alleine sind! Ich bin zwanzig Jahre alt und leide nun seit etwa vier Jahren an der Krankheit. Ich könnte meine Lebensgeschichte erzählen und könnte euch, oder vor allen Dingen wahrscheinlich mich selbst, davon überzeugen, wie das Ganze zustande gekommen ist und wer Schuld an meiner Lage hat. Aber das führt nirgendwo hin und die Sache mit der Schuld ist vielleicht eines der ersten Dinge, die man aus seinen Gedanken streichen muss, um mit sich selbst Frieden zu schließen.
Und da sind sie auch schon: Die Gedanken. Sind sie nicht von uns allen der wohl hartnäckigste Wegbegleiter, der sich, ohne sich wirklich einmal vorgestellt zu haben, mit Pantoffeln und Hausschlüsseln bei uns in der Denkstube eingenistet hat und unser Leben nun zu einer einzigen Impulskontrolle und Wahnsache macht?

Skin Picking oder Dermatillomania ist eine ernstzunehmende psychische Erkrankung. Sie gehört zu den OCD (obsessive compulsive disorder) und spielt unserem Gehirn eine Welt vor, in der die Haut der Feind ist und die Finger unsere Waffen. Für mich ist Skin Picking eine einzige Einschränkung meines Lebens. Neben Skin Picking leide ich auch noch an vielen weiteren Zwangsstörungen, aber Skin Picking ist die, die mein Leben am meisten zu einer harten Belastungsprobe macht, denn sie ist irgendwann nicht mehr nur Kopfsache, sondern wird auch zu einem körperlichen Desaster.
Inwiefern ist Dermatillomania eine Einschränkung für mich? Das fängt schon bei den kleinsten Sachen an. Ich habe beispielsweise eine tierische Angst davor, in neue Räume oder Gebäude zu gehen, die ich noch nicht kenne. Das können zum Beispiel Einkaufsläden, Hotels oder auch die Wohnungen oder Häuser von Freunden sein. Der Grund, warum ich so eine Angst habe, ist, dass ich ja nicht weiß, wie einerseits der Raum beleuchtet ist und andererseits, ob es nicht womöglich reflektierende Flächen gibt. Ja, diese reflektierenden Flächen sind wohl unser größtes K.O.-Kriterium.
Spiegel haben mittlerweile eine panikerzeugende Wirkung auf mich. Ich muss meine Augen schließen, wenn ich an ihnen vorbeigehe. Ich meide es, Sachen aus Räumen zu holen, in denen Spiegel sind. Manchmal, wenn es sich nicht vermeiden lässt (das Bad muss ja irgendwann auch einmal sauber gemacht werden :)) tue ich dies entweder zu einer ganz dunklen Abendstunde oder ich wickle mir einen Schal um meinen Kopf, damit ich bloß mein Gesicht nicht wahrnehmen muss.

Immer wieder wird mir gesagt, dass ich wunderschön bin.
Ich sehe das nicht. Ich suche und suche und sehe nur meine Zwänge. Ich sehe aufgekratzte, blutende Haut, ich sehe die Wut darüber, aber auch die Erleichterung.
Im Alltag muss ich Latexhandschuhe tragen. Ohne sie könnte ich mich nicht eine Sekunde lang beherrschen. Sie helfen etwas, aber wenn der Wunsch nach dem Kratzen, Knibbeln und Quetschen allzu groß ist, sind auch sie keine ausreichende Barriere mehr. Jede noch so kleine Kleinigkeit kann ein Auslöser für eine neue Attacke sein. Manchmal ist es nur der Ellbogen, der aus Versehen den Türrahmen gestreift hat und dieser eine seltsame, zerstörerische Teil mir dann suggeriert, dass ich dieses unvorhergesehene Ereignis nur durch Bearbeiten meiner Haut verarbeiten kann.
Die ganze Welt wird nur noch durch die Brille der Stressregulation über die Haut gesehen. Ich kann keine Ereignisse einfach in ihrer Fülle genießen, mein Kopf hinterfragt sie immer wieder auf ihre Bedeutsamkeit für mich und meine heruntergekauten Fingernägel.

Manchmal weiß ich nicht, wie Mutmachen aussehen soll. Bevor man die Welt liebt, muss man sich selbst lieben, aber wie soll das gehen? Immer wenn ich auf dem Weg dorthin bin, macht mir das Leben mit seinen kleinen alltäglichen Widrigkeiten einen Strich durch die Rechnung. Ich bin oft kurz davor, aufzugeben, aber wie Robert Frost es einmal so schön formuliert hat: „In drei Worten kann ich zusammenfassen, was ich über das Leben gelernt habe: Es geht weiter.“
Und diese Message möchte auch ich euch mitgeben. Egal, wie sehr sich die Krankheit euch in den Weg stellt, ihr seid größer als sie! Nur dank euch kann sie überhaupt existieren! Das Leben sucht sich manchmal die besten Menschen für die unanständigsten Aufgaben heraus und das nehme ich als positives Feedback an, dass mir das Leben so eine einzigartige, wenn auch absurde Herausforderung zutraut!
Und ich bitte auch euch: Denkt daran, dass ihr nicht alleine seid! Auch wenn ihr das Gefühl habt, dass euch keiner versteht, nehmt es diesen Menschen nicht übel. Wir zeichnen uns durch Empathie aus, aber am Ende können wir auch nur das spüren, was wir selbst schon einmal empfunden haben. Was es bedeutet, stundenlang vor dem Spiegel zu stehen, Angst vor Körperkontakt zu haben oder auch in vielseitigen Aspekten des Alltags eingeschränkt zu sein, ist für manche Menschen eine ferne und unwirkliche andere Welt.

Zu Beginn des Jahres habe ich mir im Zuge der psychischen Selbstreinigung das Semikolon-Tattoo stechen lassen. Es ist eines der wohl bekanntesten Symbole, die sich im Rahmen des Kampfes gegen psychische Krankheiten etabliert haben und geht wortwörtlich unter die Haut: Es ist ein Symbol für „das Leben über selbstzerstörerische Gedanken“. In seinem Ursprung bedeutet es, dass im literarischen Sinne ein Autor dann ein Semikolon setzt, wenn er erst den Satz beenden wollte, sich dann aber doch dafür entscheidet, ihn fortzuführen. Du bist der Autor und der Satz ist dein Leben!
Ich habe einmal in dem wunderbaren Buch „Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“ von Matt Haig, in dem sich der Autor mit seiner Krankheitsgeschichte auf bewegende und aufmunternde Art auseinandersetzt, gelesen, dass wir der Himmel sind und die Depression (gleichzusetzen mit jeder mentalen Erkrankung) eine Wolke. Wir können ohne die Krankheit leben, aber die Krankheit kann ohne uns nicht eigenständig existieren. Wir können uns von ihr unabhängig machen, wir brauchen sie nicht, aber genau diesen Gedanken in unserem alltäglichen Gedankenchaos zu einem wichtigen Gedanken zu machen, ist das Problem.
Aber diese Metapher gefällt mir sehr. Sie zeigt, wie unendlich und beständig wir sein können und wie abhängig von inneren und äußeren Begebenheiten und wie unselbstständig unsere inneren Dämonen eigentlich sind.
Zum Schluss empfehle ich euch neben Matt Haig auch die Lektüre von „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ von dem hervorragenden John Green. Die Geschichte ist eher ein Jugendroman, aber die Protagonistin leidet auch an Zwangsstörungen. Eine besonders intensive Störung ist ihr ständiges Verlangen, sich erneut die verheilende Haut an ihrem Finger wegzukratzen und diese anschließend zu reinigen und zu verarzten. Die ganze Zeit über wird die Handlung aus der Sicht eines Mädchens erzählt, das mit seinen inneren Dämonen kämpft und somit die Welt und ihre Ereignisse auch deutlich anders wahrnimmt. Ich konnte mich sehr gut mir ihr identifizieren und dieser Roman hat mir den Mut gegeben, dass wir gerade auf dem besten Weg sind, ein großes Defizit in unserer Gesellschaft aufzubrechen und zu bearbeiten, nämlich das Totschweigen von geistiger Andersartigkeit in ihrem besten Sinne!

Auch wenn noch so viele weitere unausgeführte Gedanken in mir schlummern, verbleibe ich nun erst einmal mit den besten Grüßen! Bleibt stark!

Anonym"

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