6. Februar 2024

Druck des Normativen

Hat hier jemand was von Maske aufsetzen gesagt? Hab ich was von Normaussehen gehört? Achja, das Verhalten und die Sprache dürfen gerne mit in die vorzeigereife Schublade sortiert sein. Alles sorgfältig vorbereitet, das Äußere fein hergerichtet, alles bereit zur Präsentation. Der große Moment kommt: Du darfst bzw. sollst dich quasi selbst verkaufen und nutzt dafür selbstverständlich die mächtigsten Werbeversprechen, die dir hätten einfallen können. Gleichzeitig kommst du dir ein wenig vor wie der größte Hochstapler überhaupt und fragst dich nach dem Termin, inwiefern dein Auftritt dein wahres Ich repräsentiert hat. Denn unter dieser hergerichteten Fassade steckt doch ein ganz anderer Mensch, der gesehen werden möchte. Nur in diesem Kontext erscheint es dir fragwürdig, wie angemessen es ist, das zu wollen. Inwiefern ist eine Zusage nach diesem doch immer mehr oder weniger künstlichem Gespräch etwas mit Aussagekraft? Bist du wirklich die Person, die du in diesen Minuten versucht hast zu sein? Ist es nicht eigentlich "normal", dass du verschiedene Versionen deiner Person in verschiedenen Situationen zeigst? Bis wann ist es nur eine hübsch polierte Seite von dir und ab wann wird es Simulation? Unterscheiden sich die Grenzen je nach dem, ob sie sich auf dein Äußeres oder dein Inneres beziehen?

Gedanken über Gedanken... Keine Ahnung, ob ihr mir folgen konntet und eventuell ahnt, worauf dieser kleine Impulsvortrag hinauslaufen soll. Möglicherweise versteht ihr mehr, wenn ihr den ersten Absatz nochmal lest, nachdem ihr den Rest durch habt. Es geht um das Thema Jobsuche und Bewerbungsgespräche. Ich werde gedanklich an diese beiden Beiträge anknüpfen: Der Zwang des "guten" Aussehens und Zwang der Gesellschaft.




Ihr habt es ja mitbekommen: Ich habe zuletzt mein Studium beendet - aktuell warte ich noch auf die entsprechenden Unterlagen, die mir schwarz auf weiß bestätigen, dass ich den Master of Arts erlangt habe. Schön und gut, aber was passiert danach? Für mich ist es zwar einerseits eine undenkbar große Erleichterung, dass diese Lebensphase ihr Ende findet. Aber andererseits ergeben sich dadurch neue, bisher unbekannte Herausforderungen. Das Berufsleben wartet auf mich: Ich muss als Berufseinsteigerin bzw. frische Absolventin Fuß fassen und mich orientieren, während ich bei der Jobsuche das Gefühl habe, eine völlige Nichtskönnerin zu sein. Einschlägige Erfahrung bringe ich nunmal keine mit, sorry. Achja und dann warten damit einhergehend noch so viele andere bürokratische Aufgaben auf mich, die einem als Student glücklicherweise erspart bleiben. Für andere Menschen in meinem Alter mag das Alltag sein, für mich warten da lauter Fragezeichen und Sachverhalte, von denen ich bisher 0 Ahnung habe. Das war irgendwie das Schöne am Studium, dass man sich um so viel Erwachsenenkram keine Gedanken machen musste. Aber gut, jetzt, wo die 30 auch für mich so langsam an die Tür klopft, wird es wohl Zeit, richtig im Erwachsenenleben anzukommen... Ein Teil von mir hat darauf stumpf gesagt absolut keine Lust. :D Jetzt muss ich plötzlich so richtig erwachsen und seriös werden, denn wie bisher kann es wahrscheinlich kaum weitergehen. Ab jetzt muss ich ernsthaft abliefern, wenn ich irgendwo landen will und etwas erreichen möchte. Und das beginnt schon beim Bewerbungsprozess (jetzt kommen wir allmählich zum Thema, um das es hier geht).

Ich sage es euch ganz ehrlich: Bewerbungen schreiben und Bewerbungsgespräche führen ist echt nicht meine Lieblingsaufgabe. Aber gut, wer mag das schon? Ich habe es eingangs bereits erwähnt: Ich weiß, dass es dazu gehört und dennoch komme ich mir schrecklich vor, mich derart selbst darzustellen. Von Natur aus bin ich eher bescheiden gestrickt und unterschätze meine Fähigkeiten eher als sie zu überschätzen. Daher ist es für mich ziemlich ungewohnt und unangenehm, meine Fähigkeiten, Talente und Stärken sowie mein Wissen aufzulisten und idealerweise noch zu belegen. Mir graute es auch schon immer vor so klassischen, konservativen Bewerbungsgesprächen. Alles daran erscheint mir gestellt. Das ist es, was mich so herausfordert, denn ich bin ja Fan von Ehrlichkeit und Authentizität. Heuchlerei fand ich schon immer scheiße. Strenges Wettbewerbsdenken halte ich für genauso ungesund. Aber natürlich ist mir klar, dass eine ausgeschriebene Stelle nur mit einer Person besetzt werden kann und daher ganz schön viele Absagen erteilt werden müssen. Das liegt in der Natur der Sache. Arbeitgeber wollen die Person, die am besten passt. Logisch. Aber ich frage mich eben, inwiefern Bewerbungsgespräche dazu überhaupt eine Einschätzungsgrundlage bieten können...


Diese Fotos sind von letzter Woche, da hatte ich ein Bewerbungsgespräch. Genau das war auch mein Look für den Termin. Das Foto direkt über diesem Absatz wirkt doch sogar ganz nett, würde ich meinen. Kann man machen. Aber ihr ahnt es bereits: Damit ich so aussehen konnte, musste ich morgens knapp 90 Minuten Zeit aufwenden. Eine Stunde davon ging locker für's Schminken drauf. Und es kotzt mich so an, dass das notwendig ist. Dass ich keine andere Wahl habe. Ich will ja auch anständig aussehen, nicht wahr? Wenn ich ungeschminkt gehen würde, könnte man mich für unhygienisch, unzuverlässig, ungepflegt, müde, inkompetent, unseriös oder sonstwas halten. Nur, weil ich tiefrote Augenringe, Pickel, Wunden, Narben, rote Stellen und kaum vorhandene Augenbrauen habe. Leider nicht den Lottogewinn gehabt, wo drauf steht "Easy peasy kannst du auch ungeschminkt normal(-gut) aussehen und wichtige Termine wahrnehmen, wo es auf den ersten (äußeren) Eindruck ankommt". Ne, ungeschminkt falle ich gewissermaßen aus der Norm. Sobald jedoch rund 60 Minuten mit Make-Up gewerkelt wurde, entspricht mein Aussehen komplett der Norm und ich fühle mich dem Anlass entsprechend. NIEMALS würde ich ohne Schminke zu einem Bewerbungsgespräch gehen! Hinterher kriege ich eine Absage und frage mich vielleicht ernsthaft, ob ich geschminkt einen anderen Eindruck hätte machen können. Ich hasse es, dass es ein gewisses Normaussehen erfordert, um ohne große Auffälligkeiten existieren zu dürfen. Ich hasse es, dass ich bei Bewerbungsgesprächen diese Make-Up-Maske aufsetzen muss, weil ich mich sonst fehl am Platz fühlen würde. Und das meinte ich oben auch damit, dass man ja irgendwie nicht authentisch man selbst ist. Die geschminkte Version von mir gibt es auch abseits von Bewerbungsgesprächen, ja. Aber dort habe ich mir fast überall die Freiheit erkämpft, die Wahl zu haben. Ich bin z.B. immer frei in der Entscheidung gewesen, ob ich zur Uni geschminkt erscheine oder es sein lasse. Es hatte keinerlei spürbare Auswirkungen für mich. Doch im Bewerbungskontext merke ich den Zwang, der dahintersteht. Diesen Druck des Normativen und von Schönheitsidealen. Diese Atmosphäre von Konkurrenzdenken.

Hinzu kommt, dass mein ungeschminktes Erscheinungsbild ja wirklich etwas aussagt. Die meisten mögen dabei fälschlicherweise an Akne oder anderweitige Hautprobleme denken, aber das ist nicht wichtig. Was ich meine, ist: Wenn ich mich entscheide, ungeschminkt zu einem ersten Treffen mit einer Person zu erscheinen, dann sage ich damit etwas aus, mache mich verletzlich, bringe das Thema Skin Picking irgendwie unterschwellig mit. Make-Up erlaubt mir, davon temporär frei sein zu können. In Bewerbungsgesprächen kommt es nicht im Geringsten auf meine Dermatillomanie an, die darf gerne verborgen bleiben. Es geht ja um mich als Person. Es ist irgendwo ein Zwiespalt, merke ich gerade im Schreibprozess dieses Beitrags... Ich möchte die Entscheidungsfreiheit haben und gesehen werden als die Jacqueline, die ich bin (und zu der gehört das Skin Picking einfach noch). Gleichzeitig möchte ich nicht, dass diese Thematik bei einem Szenario, wo es um den ersten Eindruck geht, wie ein Elefant im Raum steht. Ich möchte unabhängig davon sein können, damit Raum für andere Dinge ist, die mich ausmachen. Dennoch wünsche ich mir auf lange Sicht, dass es nicht nötig sein wird, mich für immer hinter der Maske zu verstecken. Das habe ich viele Jahre lang getan und bin dabei nicht glücklich gewesen. Mir ist bewusst, dass es je nach Job nicht angemessen ist, in einer mehr oder weniger privaten Version seiner selbst zu erscheinen. Es gibt ein Job-Ich und das ist auch in Ordnung so, es ist sogar nötig. Aber ich kann mich nunmal nicht frei von Skin Picking oder frei von den Konsequenzen auf meiner Haut machen. Es ist nicht wie ein Kostüm, welches ich beim Gang durch die Haustür abstreifen und zuhause liegen lassen kann. Unter der Schminke ist nach wie vor meine gezeichnete Haut und die würde vielleicht auch gerne mal das Tageslicht sehen können.

Ich könnte darüber noch lange philosophieren, aber für den Moment soll das reichen. Das erwähnte Bewerbungsgespräch lief übrigens sehr gut und war glücklicherweise keins von diesen strengen, konservativen Abfragegesprächen. Im Gegenteil war es ziemlich locker, zwischendurch auch lustig und ich habe mich den Umständen entsprechend wohl gefühlt. Daher ist der erste Absatz womöglich ein wenig überspitzt formuliert und nicht unbedingt zutreffend, was diesen speziellen Fall anbelangt. Achja und natürlich habe ich die Tage vorher versucht, meine Haut möglichst wenig bzw. nicht zu bearbeiten. Das ist mir nur so mittelmäßig gelungen, sodass mein Hautzustand auch nur mittelmäßig war.

Erkennt ihr euch irgendwo in diesem Post wieder? Erzählt mir gerne von euren Erfahrungen oder Gedanken zu der Thematik. :) Ich bin zum ersten Mal in dieser Situation und freue mich daher über Austausch!

2 Kommentare:

  1. Hey! :) Erstmal Glückwunsch, dass das Bewerbungsgespräch gut gelaufen ist und es ein Gespräch von der "angenehmeren" Sorte war!
    Ich fand deinen Beitrag, und besonders das Thema, mega-interessant zu lesen, und gleichzeitig tat es soo gut irgendwie, deine Gedanken und Gefühle zu diesem Thema zu lesen! Es hat auf mich persönlich entschleunigend gewirkt, mich durch deinen Text mal gedanklich mit diesem Thema auseinander zu setzen, das sonst viel zu oft diffus in meinem Kopf herumschwirrt, mein Stress-Level anfacht, und (leider viel zu oft unbewusst) für Abneigung und schlechte Gefühle sorgt, ohne dass im Alltag die Zeit ist, sich mal in Ruhe anzuschauen, welche Gedanken und Gefühle das in mir auslöst und die dann ein bisschen einzuordnen und zu reflektieren.

    Dein Beitrag hat das ein Stück weit für mich getan, und hinterlässt für mich ein "aufgeräumteres", etwas befreiteres Gefühl. Und dieses schöne Gefühl von Solidarität, "nicht alleine sein" und dadurch Beruhigung, denn ich kann dir da so, so Vieles genau nachfühlen!

    Danke fürs Teilen und deine Offenheit! Ganz herzliche Grüße & weiter die besten Wünsche für dich in dieser neuen Lebensphase! <3

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    1. Hi du. :) Ich freue mich enorm über deinen Kommentar, dankesehr. Und es freut mich noch mehr, dass er dir gefallen und dich zum Nachdenken angeregt hat. Wie schön, dass du dir so viel Zeit dafür genommen hast, das weiß ich zu schätzen!

      Ja ich muss auch gestehen, dass die Thematik für mich noch nicht fertig durchdacht und reflektiert ist. Ich werde mich weiter damit beschäftigen, das geht einfach recht tief und ist schon ein wenig komplex. Deswegen mega cool, dass ihr dir da ein wenig "Denkarbeit" abnehmen konnte. :D

      Sehr gerne und ganz viel Liebe an dich! :)

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