2. Februar 2017

Gastpost - Part 4

'N Abend, liebe Skinpicker und Nicht-Skinpicker.

Lang lang ist's her, dass ich einen Gastpost veröffentlicht habe, nicht wahr? Um genau zu sein, erschien der dritte Teil im September letzten Jahres. Danach meldete sich kein Interessent mehr bei mir, sodass diese Postserie ein paar Monate ruhte. Doch vor Kurzem kam eine ganz unerwartete Mail mit dem Betreff "Gastpost" - da war ich ganz aus dem Häuschen! Noch eine Person, die so mutig ist, ihren Frust mal in Worte zu verpacken und in meine Hände zu geben, damit ich ihn veröffentlichen kann. Danke danke danke, wirklich! Was dieses Mal aber ein wenig anders sein wird: Am Ende werde ich noch kurz ein Statement zu der Geschichte abgeben. Warum, erfahrt ihr dann.

Bevor es losgeht, folgt aber erst einmal das übliche Prozedere... Falls ihr nämlich nicht wisst, was diese Postserie so beinhaltet und warum sie existiert, dann schaut gerne beim ersten Teil rein oder gönnt euch unter dem Label "EureGeschichten" gleich alle drei Teile.

Und nun möchte ich euch als Betroffene ganz direkt ansprechen: Ihr habt niemanden zum Reden, möchtet aber trotzdem mal euer Herz ausschütten oder Frust rauslassen? Ihr traut euch nicht, selbst an die Öffentlichkeit zu gehen, möchtet aber dennoch, dass eure Geschichte von Menschen gelesen wird? Ihr habt ein paar tolle Tricks und Tipps oder einfach nur liebe Worte für Leidensgenossen, die ihr loswerden wollt? Ein eigener Blog wäre euch zu viel Arbeit, aber einen kleinen Post würdet ihr gerne verfassen? Dann meldet euch gerne bei mir! Schreibt mir eine E-Mail mit dem Betreff "Gastpost" an folgende Adresse: dermatillomanie-blog@web.de. Selbstverständlich dürft ihr auch Bilder mitsenden, wenn ihr das wollt. Ihr könnt dabei entweder von Anfang an namenslos bleiben oder mich darum bitten, euch zu anonymisieren. Ich werde euren Text dann unverändert innerhalb dieser Postserie veröffentlichen, sodass ihr selbst eventuelle Kommentare Anderer dazu lesen könnt.

 
"Warum eigentlich?

„Hör doch einfach auf zu drücken. Warum machst du das überhaupt?“
Ich denke mal, solche Aussagen und Fragen kennt ihr alle. Ja, warum eigentlich? Darüber habe ich schon oft nachgedacht, hauptsächlich wenn ich vor meinem großen Spiegel stand und die beiden Schlachtfelder betrachtete, die meine Arme darstellen sollen. Oder wenn ich nachts im Bett liege und nicht weiß, wie ich mich zudecken soll, ohne, dass der Stoff der Decke an meine schmerzende, pochende Haut gerät. Nur wenn ich meine Haut bearbeite, da denke ich über solche Sachen nicht nach – weil ich in dieser Zeit quasi überhaupt nicht denke.


Und ich denke, das ist der Grund. Denn wenn ich die Haut an meinen Armen absuche, Hautfetzen herausreiße, Krusten abkratze, mit der Pinzette Härchen herausziehe und drücke, bis das Blut fließt...fühle ich nichts. Gar nichts. Und für jemanden wie mich, die oft furchtbar sensibel und emotional ist, die immer alles richtig machen will und dabei über ihre eigenen Füße stolpert, ist dieses „Nichts fühlen“ ein echter Segen. Ganz egal, was davor auch passiert ist, ob ich Streit mit meiner Mutter, Angst vor einer wichtigen Prüfung habe oder mich einfach schäme, weil ich wieder zugenommen habe – sobald ich knibble, ist alles Andere nur noch nebensächlich. Klar, da ist sie noch irgendwo, die Stimme der Vernunft, die mir zuruft, wie falsch das ist, was ich mache, wie selbstzerstörerisch und krank, wie schlecht es mir gleich wieder gehen wird, wenn ich nicht sofort aufhöre. Aber die Stimme ist zart und gaaaanz weit weg... Viel zu leicht, sie zu ignorieren. Nachher wird sie dann nicht mehr so leise sein, die Vernunft. Dann wird ihre Stimme mir wieder im Kopf dröhnen und mir vor Augen halten, dass meine ganzen Mühen der letzten Tage, nicht an meiner Haut zu knibbeln, völlig umsonst waren, jetzt da die verheilten Stellen wieder offen sind. Dann werde ich einen dankbaren Blick aus dem Fenster werfen, auf den Schnee, der mir eine Ausrede gibt, langärmlige Shirts oder Stulpen zu tragen. Und werde mit Unruhe an den nächsten Sommer denken und mich fragen, ob ist es bis dahin schaffe, meine Haut verheilen zu lassen und vielleicht auch etwas abzunehmen. Ob ich es endlich schaffen werde, mich wohl in meiner Haut zu fühlen.


Hallo ihr Lieben ^^

Ich wollte endlich auch einmal schreiben, wie es mir mit Skin Picking so ergeht. Wie ihr schon lesen konntet, sind hauptsächlich meine Arme betroffen, mein Gesicht zu bearbeiten reizt mich Gott sei Dank nur sehr selten. Manchmal weiche ich auch auf meine Beine aus, denn dort zeigt sich die Reibeisenhaut natürlich auch.

Angefangen hat es bei mir, wie bei vielen Betroffenen, in der Pubertät – nur halt nicht wegen Akne, sondern durch meine Reibeisenhaut. Damals kannte ich weder das Eine noch das Andere. Ich wusste zwar, dass diese rötlichen Erhöhungen auf meinen Armen keine Pickel waren, aber eine passendere Bezeichnung hatte ich dafür auch nicht. Es fing mit harmloser Drückerei an, leider zu einer Zeit, in der ich in der Schule ausgegrenzt und langsam aber sicher zum Außenseiter wurde... Ich vermute mal, die vielen stressigen Situationen plus die verrückt spielende Haut haben zum Skin Picking geführt. Vor ca. 3 Jahren ging ich dann endlich zum Hautarzt, der mir erklärte, was Reibeisenhaut ist, aber zu den kleinen Verletzungen sagte, ich solle mir das bitte abgewöhnen (Darauf wäre ich nie selbst gekommen... -.- XD). Erst vor einem Jahr las ich in einem Artikel im Stern, halb verborgen in einem Nebensatz, die Bezeichnung für ein Verhalten, das meinem sehr ähnlich war. Aus reiner Langeweile schrieb ich es auf, um es später zu googeln – und fand eine Art Spiegelbild. So viele Menschen, alte wie junge, die mit den gleichen sonderbaren Symptomen kämpften wie ich. Die genauso litten und sich schämten für ein Verhalten, dass sie nicht ablegen konnten, so sehr sie es auch wollten. Eine Last fiel mir von der Seele, von der ich nicht mal wusste, dass ich sie mit mir herum schleppte. Ich war also nicht die Einzige. Ich war nicht allein. Das war für mich ein kleiner Durchbruch. Klar, ich drücke immer noch, ich habe gute und schlechte Phasen, manchmal habe ich auch noch richtige Anfälle – aber es ist nie mehr so schlimm geworden wie damals, als ich noch nichts vom Skin Picking wusste. Zu wissen, was es ist und dass es noch Andere haben, ist mein erster Schritt, davon weg zu kommen. Und mich stört mittlerweile auch der Gedanke nicht mehr, dass meine Haut Narben davon tragen wird. Mit alten, verheilten Narben kann ich leben – mit frischen Narben nicht.

Ich bin wirklich froh, dass ich diesen Post schreiben kann, denn wenn ich ehrlich bin, gibt es niemanden, mit dem ich so etwas gerne direkt besprechen würde... Ich will einfach niemanden abschrecken. Ich will nicht, dass die Leute, die mir wichtig sind, mich eklig finden. Oder depressiv. Oder gestört. Auch wenn ich selbst verstanden habe, dass Skin Picking nichts mit Verrücktsein zutun hat und Reibeisenhaut komisch aussieht, aber nicht eklig ist – werden Andere das auch so sehen? Ich hab mal versucht, mich meinem Bruder anzuvertrauen. Ging daneben. Ich konnte gar nicht richtig zu Ende reden, da kam schon:„Rede dir nicht ein, irgendwelche Phobien oder sowas zu haben, hör einfach auf deine Pickel zu drücken.“ -.-
Ein anderes Mal wollte ich mich meinem Freund anvertrauen. Als ich das erste Mal ärmellos vor ihm gesessen hatte, hatte ich furchtbare Angst gehabt, er könnte etwas sagen. Aber er sagte nichts, und ich war dankbar deswegen. Wenn er es nicht merkt, würde ich ihn nicht auch noch darauf aufmerksam machen. Viel später hat er dann mal meinen Arm vorsichtig in beide Hände genommen und gefragt:„Ich habe dich bisher nie darauf angesprochen, aber was ist das eigentlich?“ Auch wenn er es freundlich fragte, konnte ich nicht ehrlich antworten. Nicht richtig ehrlich. Ich hab ihm erklärt, dass es Reibeisenhaut ist und mehrfach betont, dass es nicht ansteckend oder so wäre (Ist meine standart Antwort).
Irgendwann schien ein guter Moment gekommen zu sein, ihm vom Skin Picking zu erzählen. Wir kamen zufällig auf das Thema Ritzen und ich wollte mir gerade eine sinnvolle Überleitung zum Skin Picking überlegen, als er plötzlich sagte:„Ich verstehe diese Leute einfach nicht. Wie kann man sich so etwas antun? Das ist doch krank. Wenn es denen so schlecht geht, sollen die entweder was dagegen tun oder sich halt umbringen. Sich selbst zu verletzen ist hirnlos.“ Eine derart plumpe Aussage bin ich nicht von meinem Freund gewohnt gewesen, der eigentlich sehr feinfühlig und verständnisvoll ist. Ich habe nie wieder versucht, mit ihm darüber zu reden.


So, jetzt habe ich euch aber genug zugetextet ^^ XP
Tipps habe ich leider keine für euch, die ihr nicht schon selbst kennen würdet. Ich kann nur noch sagen: Bleibt am Ball, lasst euch von Rückschlägen nicht entmutigen, ich werde das auch nicht. Ich träume schon viel zu lange von dem Tag, an dem ich im Sommer ein Top ohne Jacke anziehen kann und mich dabei wohl fühle ^^


Liebe Grüße und alles Gute! Anonym"



Muss ich noch erklären, wieso ich einen Kommentar dazu geben muss? Ich glaube, es ist offensichtlich, wie viel in dieser Geschichte steckt. Vor allem sehr viel, wo ich mich drin wiedererkenne oder wo ich zustimmen kann.

Direkt zu Beginn taucht etwas extrem Interessantes auf: Das Nichtsfühlen. Als ich das so las, ging mir ein Licht auf. Ja, das ist es! Man fühlt nichts, während man seine Haut bearbeitet. Absolut nichts. Man entgeht den Gefühlen, denen man im Leben sonst ausgeliefert ist. Und wie wir kürzlich schon festgestellt hatten, können wir damit häufig nicht richtig umgehen. Da ist es wirklich ein echter "Segen" (Zitat), wenn wir für ein paar Momente nichts fühlen. Wir genießen das.

Auch alles, was zur Stimme der Vernunft gesagt wurde, ist bei mir identisch und mir dennoch nie so klar gewesen wie jetzt. Während eines Anfalls ist sie leise und leicht zu ignorieren. Doch unmittelbar danach ist sie so laut und präsent, dass einem beinahe die Ohren platzen. Von irgendetwas wird sie überdeckt und in den Hintergrund gedrängt, wenn wir an unserer Haut zugange sind. Vielleicht von unserem Drang?

Als Letztes picke ich mir folgende Stelle heraus:"Eine Last fiel mir von der Seele, von der ich nicht mal wusste, dass ich sie mit mir herum schleppte". So geht es sicher ausnahmslos allen Betroffenen, die gerade erst herausgefunden haben, dass sie Skin Picking haben. Wenn ich genauer drüber nachdenke, ging es auch mir so. Ich schleppte diese Last damals - als ich noch nichts von der Dermatillomanie wusste - mit mir herum und leidete unter ihr. Still und ahnungslos. Irgendetwas war da auf meinem Rücken, doch ich konnte nicht sehen, was. Ehrlich gesagt habe ich nicht mal probiert, es herauszufinden. Bis es der Zufall so wollte und ich über die Bezeichnung des Skin Pickings stolperte. Ab da wusste ich Bescheid und konnte langsam anfangen, mich Stück für Stück von der Last zu befreien.

So, das soll es aber für heute gewesen sein. Ich fiebere schon dem Wochenende entgegen und wünsche euch einen schönen Abend!

30. Januar 2017

Interessante Neuigkeiten

Einen schönen guten Abend!

Jacqueline ist wieder in ihrer Heimat und hat Stoff zum Lesen mitgebracht! Undzwar entdeckte ich kürzlich einen sehr interessanten (und noch dazu aktuellen!) Artikel, der sogar Informationen bzw. Erkenntnisse enthielt, die mir bis dato unbekannt waren. Am besten schaut ihr eben selbst kurz rein, bevor ich weiter erzähle.

http://wize.life/themen/kategorie/gesundheit/artikel/53693/haut-kratz-stoerung-das-steckt-wirklich-hinter-der-mysterioesen-krankheit

Zwei Dinge sind mir in diesem Artikel in's Auge gestochen. Erstens die Annahme, dass wir Skinpicker unsere Emotionen schwer regulieren und verarbeiten können. Das erscheint mir sinnig und ist soweit auch auf mich übertragbar. Unsere Emotionsverarbeitung läuft über ein falsches Ventil - nämlich über das Skin Picking. Dass dabei streng genommen nichts "verarbeitet" wird, ist uns nicht bewusst. Es ist unsere Art, damit umzugehen. Wir haben verlernt, über Gefühle zu sprechen, sie auszuleben und irgendwann abzuhaken. Stattdessen suchen wir uns einen "angenehmen" Weg, um ihnen zu entkommen oder sie umzuwandeln.

Zweitens fiel mir das mit der veränderten Repräsentation des Tastsinns in der Großhirnrinde auf. Beim ersten Lesen musste ich ziemlich staunen, als ich diese Stelle verinnerlichte. Es bedeutet ja Folgendes: Es ist messbar, dass wir anders sind. Sozusagen ein Beweis für diesen Satz "Ich muss das aber aufkratzen/wegdrücken!", den unsere Angehörigen nie verstehen konnten. Bei uns wird etwas aktiviert, was bei Unbetroffenen nicht aktiviert wird, wenn sie Hautunreinheiten betrachten. Also können wir eigentlich nicht mal etwas dafür. Doch woher kommt es, dass wir diese Veränderung erleben? Wie ist das entstanden? So weit scheint man noch lange nicht zu sein...

Jedoch finde ich es schon toll zu sehen, dass weiter an der Dermatillomanie geforscht wird und dass es Leute gibt, die Therapiemöglichkeiten weiterentwickeln wollen. Die im Artikel genannten Erkenntnisse sind erstaunlich und darüber hinaus sehr wichtig! Das Alles ist der erste Schritt in die richtige Richtung, damit wir uns irgendwann nicht mehr so allein und hilflos vorkommen. Es wird sicherlich noch einige Jahre dauern, bis diese Entwicklung Schwung aufnimmt, aber das macht nichts. Wir haben Geduld und freuen uns über jede noch so kleine Neuigkeit.

25. Januar 2017

Und es geht weiter...

Hiermit knüpfe ich nahtlos an meinen letzten Post "Zwang der Gesellschaft" an. Inzwischen kann ich nämlich schon gar nicht mehr an meinen Händen abzählen, wie oft ich auf meine Haut angesprochen wurde. Noch dazu wie oft dabei die Vermutungen "Masern" oder "Windpocken" gefallen sind - von Eltern/Großeltern (!) der Kinder und von Arbeitskollegen. Manches habe ich auch gar nicht direkt mitbekommen, sondern mir hinterher erzählen lassen. Tja, ich kann euch sagen: Ich bin genervt. Anfangs war es ja echt noch ok, aber wenn jetzt jeder, der mich sieht, gleich mit "Gott, was hast du denn? Windpocken?" ankommt... Als hätten sich gerade alle abgesprochen. Kommt mir vor wie ein schlechter Witz. Wenn ich das mit Schulzeiten vergleiche, dann war es da echt einfacher, mich offen zu zeigen. Da wurde vielleicht hinter meinem Rücken über mich geredet, aber hey. Das war mir schnuppe. Jetzt kriege ich das alles ungeschont in die Arme geworfen und weiß bei der Masse gar nicht mehr, was ich noch machen oder sagen soll. Heute kam es sogar, dass eine Mutter einen scherzhaft gemeinten Kommentar brachte, der mir wieder etwas wehtat. Natürlich versuche ich, darauf nicht viel zu geben, aber so ganz ignorieren kann ich es nicht. Dadurch hört meine Gedankenwelt auch nicht auf, sich um dieses Thema zu drehen. Ob ich will oder nicht... An der Stelle frage ich mich dann, ob das tief in mir etwas macht? Beschäftigt mich das so sehr, dass meine Drückerei gerade daher rührt? Ich weiß es nicht.

Nur eins weiß ich: Ich bin froh, Freitag zu meinem Freund zu fahren und das Wochenende mal Abstand von hier zu haben. Hoffentlich komme ich dann endlich mal auf andere Gedanken! Wenigstens für die drei Tage.

23. Januar 2017

Zwang der Gesellschaft

Guten Abend, ihr da draußen!

Eigentlich wollte ich heute einen anderen Inhalt in Worte bringen und veröffentlichen, aber aufgrund neuester Ereignisse des heutigen Tages wurde ich dazu angeregt, meine Pläne umzuschmeißen. Mit diesem Post will ich erstmals ganz konkret und direkt Kritik an der Gesellschaft üben und etwas meckern. Vielleicht lasse ich dabei sogar etwas Wut/Frust raus, das muss ja schließlich irgendwo hin. Nehmt es mir nicht übel, aber ich muss eben sagen, was gesagt werden muss. Auch die Länge dieses Posts könnte heute mehr werden. Nur, damit ihr Bescheid wisst.

Erstmal zur Ausgangssituation: Meine Haut ist in einem äußerst schlechten Zustand (Bilder gibt es am Ende!). Die Drückanfälle der letzten Zeit haben ihre Spuren hinterlassen: Viele rote Stellen, Pickel und Wunden. Noch dazu war ich heute komplett ungeschminkt - nicht mal Concealer für die Augenringe oder schnell ein Puder zum Mattieren. Und ich glaube, dass ich meine schlechte Haut auf der Arbeit noch nie so deutlich gezeigt habe wie heute. Klar, ich laufe viel wenig geschminkt rum und habe immer mal wieder etwas schlechtere Phasen, aber das war nicht vergleichbar mit heute. Dementsprechend wurde ich des Öfteren in Situationen gebracht, wo ich nach meiner Haut gefragt wurde. Diese Situationen möchte ich euch hiermit schildern.

Kaum komme ich auf der Arbeit an, kommt der erste Kommentar meiner einen Arbeitskollegin:"Hast du Ausschlag?". Als ich dies verneinte, kam ein "Das ist aber ganz schön schlimm heute..." zurück. Einige Minuten vergingen, bis sie das Thema wieder aufgriff, indem sie fragte, ob ich Akne hätte. Ich meinte einfach "Ja" und sie erwiderte "Oh du Arme!". Damit war es erstmal gegessen.

Die zweite Situation ereignete sich beim Anziehen der Kinder. Eines der Mädchen schaute mich an und fragte:"Aua?". Ich verneinte. Sie fragte:"Farbe?". Auch dies verneinte ich und auf die letzte Frage "Was ist das?" antwortete ich, dass es nichts Schlimmes sei. Ende der Unterhaltung.

Später am Tag wurde ich von meiner zweiten Arbeitskollegin angesprochen, die zufällig die gleichen Worte fand wie die andere Kollegin. "Hast du irgendwie Ausschlag oder sowas?", fragte sie mich. Ich musste grinsen und innerlich gleichzeitig die Augen verdrehen... Dann erklärte ich aber etwas ausführlicher, dass das ganz normal bei mir ist und ich jetzt eben eine schlimme Phase habe. "Kannst du das so gut überschminken?", wollte meine Kollegin dann wissen. Ich bestätigte dies und meinte nur, dass Übung eben den Meister macht.

Die letzte Situation kam total unerwartet während der Abholzeit. Ein Geschwisterkind aus dem Kindergarten kam hereingestürmt, während ich mich mit einigen Eltern im Gruppenraum befand. Es schaute mich an und rief durch den ganzen Raum:"Hast du die Masern?". Da war ich zugegebenermaßen zuerst etwas platt. Auch die Eltern im Raum gaben Laute von sich, die Entsetzen ausdrückten. Das Kind meinte es sicher nicht böse, aber genau diese Formulierung gab mir schon einen kleinen Stich ins Herz. Allerdings überspielte ich dies - auch dann noch, als das Kind weiter nachbohrte, indem es sagte:"Du hast aber ganz viele rote Punkte überall!".

Um kurz etwas klarzustellen: Ich bin niemandem direkt böse und möchte auch niemandem falsches Verhalten vorwerfen! Selbstverständlich darf man Nachfragen anstellen oder auch Äußerungen machen, keine Frage. Doch die Häufung war es, die mich dann zum Nachdenken brachte. Plötzlich wurde ich total still und bedrückt. In meinem Kopf fing es an zu rattern und ich entschloss mich dazu, mein Gedankenchaos heute noch in einen Post zu bringen.

Was habe ich also daraus gemacht? Der heutige Tag zeigte mir im Grunde eins: Diesen starken gesellschaftlichen Zwang, der vermutlich nie sein Ende finden wird. Dieser Zwang besteht darin, normal und gut auszusehen. Völlig unwichtig, was genau "normal" oder "gut" ist. Solange du den Vorstellungen der Gesellschaft entsprichst und in das Bild der Normalität passt, ist alles gut. Aber sobald du aus dem Rahmen fällst, hast du ein Problem. Kaum siehst du nicht normal und gut aus, muss nachgehakt werden. Dann bist du gleich "krank" oder "abnormal". Die Leute denken sofort, dass etwas dahinter stecken muss. Sie spinnen eventuell sogar ihre eigenen Geschichten, woraus dann Vorurteile entstehen. Wobei das noch harmlos ist... Schlimmer gedacht gibt es ja auch Mobbingfälle, die so ihren Anfang finden. Und das gefällt mir nicht, echt nicht. Es verärgert mich! Ich kann heute stolz sagen:"Ja, ich stehe zu mir! Ich bin aufrichtig und zeige mich, wie ich bin!" und dann wird mir indirekt von der Gesellschaft befohlen, das zu unterlassen. Was ist das für ein Quatsch? Wieso darf ich nicht sein, wie ich bin? Wieso muss ich mich verstecken? Wieso besteht dieser bescheuerte Zwang der Normalität immer noch? Warum sind wir Menschen so scheiße oberflächlich? Weil wir es sein müssen? Warum bewerten wir Aussehen und wonach überhaupt? Ey, wir sind im 21. Jahrhundert! Es wird Zeit, solche Zwänge loszuwerden! Aber nein, stattdessen lebt die Gesellschaft still mit solchen Zwängen weiter und lässt ihre Scheuklappen auf. Niemand traut sich, über den Tellerrand zu schauen und so kommt es, dass auch unsere Kinder diese Muster übernehmen. Die Frage ist, ob ich als Einzelperson etwas ändern kann... Wahrscheinlich nicht. Und obwohl ich weiß, dass sich vielleicht sogar nie etwas ändern wird, tue ich meinen Teil.

Trotzdem macht dieses Thema etwas mit mir. Heute Nachmittag, wo mein Kopf so vor lauter Gedanken rauchte, kamen auch ganz blöde Gedankenfetzen auf... Aus irgendeinem Grund wurde ich plötzlich unsicher und fragte mich:"Jacqueline, was machst du nun daraus? Fängt es jetzt wieder von vorne an mit dem Versteckspiel? Lässt du dich jetzt kleinkriegen?". Nein! Das will ich doch gar nicht! Verdammt, ich will mich nicht mehr verstecken. Das tut mir nicht gut und mein Wohl ist mir um Längen wichtiger als das Wohl der Gesellschaft. Ich darf mich nicht verbiegen lassen, nur weil die Gesellschaft mir irgendetwas vorgeben will. Dann kamen in meinem Kopf Fragen auf wie "Zeige ich das jetzt erst recht? Was ist richtig? Gibt es überhaupt ein 'Richtig'?". Meine Antwort: Nein, es gibt kein allgemeines 'Richtig'. Jeder muss das für sich entscheiden. Mein 'Richtig' orientiert sich an meinem Wohl und daher versuche ich so gut es geht, weiterhin unbeirrt so zu bleiben, wie ich bin. Mich und meine Haut in jeder Lebenslage zu zeigen. Das bedeutet zwangsläufig, dass ich mich weiterhin solchen Situationen wie heute stellen muss. Aber wisst ihr was? Das nehme ich in Kauf! Undzwar gerne, denn dafür kann ich frei Ich sein.

Nun noch ein paar Eindrücke meines momentanen Hautzustandes:






...Entschuldigt meine Wortwahl. Nächstes Mal bin ich bestimmt wieder weniger gefrustet. Bis dann!

19. Januar 2017

Alles rot




Diese Aufnahmen stammen vom Sonntagabend, wo ich zuvor gefühlt stundenlang vor dem Spiegel stand. Ich hatte mal wieder einen richtigen Anfall... Wo ich mich einfach überhaupt nicht kontrollieren, geschweige denn wieder einkriegen konnte. Jeder Millimeter musste genauestens untersucht und bearbeitet werden - mehrmals. Ich fing an einer Stelle an und arbeitete mich so das komplette Gesicht entlang, bis ich zwischendurch mal auf den Hals und das Dekolleté auswich, um dann aber wieder im Gesicht zu landen und anschließend eine Abschlussrunde weiter unten im Dekolleté zu drehen. So ging es wieder und wieder... Manchmal, wenn ich so mit den Händen im Gesicht vor dem Spiegel stehe, fühle ich mich echt verrückt/krank. Dann kommt ganz kurz der Gedanke "Was zur Hölle machst du da eigentlich?" auf. Besonders dann, wenn ich richtige 'Verrenkungen' im Bad mache, um alles genau sehen und erreichen zu können. Fehlt nur noch eine Lupe, ehrlich. In dem Moment hat man auch keine Weitsicht mehr, im Gegenteil. Man steht so nah am Spiegel, dass man gar nicht sieht, wie rot und angeschwollen das komplette Gesicht inzwischen ist. Und wenn man endlich dazu kommt, sich abzuwenden und einen Schritt zurückzutreten, dann kriegt man beinahe einen Schock. Ich zumindest, weil meine Haut so extrem empfindlich ist und die typischen Merkmale von physikalischer Nesselsucht zeigt. Damals wäre ein Anfall wie dieser aufgrund von zahlreichen Tränen in ebenso roten Augen und Kopfschmerzen vom Weinen geendet. Das hat sich geändert. Heute nehme ich sowas mit mehr Fassung hin; was aber nicht heißt, dass es mich völlig kalt lässt. Es stimmt mich schon ab und zu traurig, doch ich versuche dann, so gleichgültig wie möglich zu sein. Ob das auf lange Sicht immer gut ist, kann ich nicht sagen, aber es hilft mir genau in dem Moment, nicht durchzudrehen. Meistens sieht der nächste Morgen dann so aus, dass ich mich absichtlich nicht/fast gar nicht schminke, um mir quasi selbst vor Augen zu führen, was ich angerichtet habe. Aber auch, um anderen Menschen zu vermitteln, dass ich nicht perfekt bin. Das hat auch wieder was mit der Aufrichtigkeit zutun, die ich kürzlich hier erwähnte. Auch das war damals alles anders, denn da hätte ich genau das Gegenteil getan und mit Absicht mehr Schminke aufgetragen, um meine Machereien zu vertuschen. Witzig, wie sich sowas verändern kann.

Doch wisst ihr, was mich gerade so stört? Es sind nicht diese Anfälle oder die unmittelbaren und längerfristigen Folgen davon. Es ist die Tatsache, dass mich die Dermatillomanie im Moment nicht loslässt. Von morgens bis abends verfolgt sie mich; hängt an mir fest. Wirklich! Das Erste, was ich morgens mache: Mein Gesicht nach neuen Pickeln absuchen und erstmal ordentlich 'reinigen' (/drücken). Das Erste, was ich nach der Arbeit mache: In's Bad gehen und drücken. Das Letzte, was ich abends vor dem Zubettgehen mache: Nochmal alles abscannen und zahlreiche Stellen finden, die ich ausdrücken kann/will/muss. Wenn ich mir das so klarmache, dann könnte ich beinahe ausrasten vor Wut. Wieso muss das so sein? Wieso muss ich so sein? Kann ich nicht ganz normal morgens aufstehen und meiner Routine nachgehen? Wieso muss das Skin Picking ein Teil meiner Routine sein? Oder ein noch besseres Beispiel: Nur mal kurz in's Bad (-> auf Toilette) gehen. Kurz, haha. Guter Witz. In letzter Zeit komme ich nicht einfach so auf die Toilette, ohne vorher am Spiegel Halt gemacht zu haben. Das lässt mich natürlich gleich viel länger im Bad verweilen undzwar selten unter 15-20 Minuten! Diese Kleinigkeiten geben mir das Gefühl, nicht normal zu sein. Vielleicht kann das jemand unter euch verstehen...

Das waren so die Gedanken von den letzten Tagen, die ich mal loswerden musste. Danke für's Zuhören bzw. Durchlesen!