15. Oktober 2016

Was wäre, wenn...?

Tagchen!

Ich habe mal wieder Inspiration von außen bekommen, indem ich gestern Nacht ein Video von Rebecca Brown (Beckie0) sah. In diesem Video spricht sie darüber, wie ihr Leben ohne ihre Trichotillomanie wäre. Zu Beginn zählt sie natürlich sehr viele negative Dinge auf, die sie ohne nie hätte durchmachen müssen, doch im Verlauf des Videos gibt es einen Wendepunkt. Ab da erwähnt sie auch, dass ihr durch diese psychische Störung viele Türen geöffnet wurden, hinter denen nur Positives zu finden war. Ganz am Ende gelangt sie dann zur Kernfrage: "Wäre mein Leben ohne die Trichotillomanie besser?" Und was sie darauf antwortet, schaut ihr am besten selbst nach! Denn in den letzten Sekunden sagt Rebecca sehr viele wichtige Dinge, wie ich finde.

Hier der Videolink:
https://www.youtube.com/watch?v=Zqz4njsuP0w

Und nun möchte ich dieses Thema einmal für mich selbst auseinandernehmen. Klar, ich weiß, dass mein Leben nicht zu ändern ist und dass man nie zu viel darüber nachdenken sollte, was sein könnte, aber ich sehe es als ein Gedankenexperiment. Ein Experiment, was ich ein einziges Mal durchgehen möchte, um es dann für immer abgehakt zu haben. Denn wie schon gesagt: Es bringt nichts, sich wieder und wieder die Frage zu stellen, wie das eigene Leben nur wäre, wenn man dies und jenes nicht hätte oder wäre. Schlussendlich leben wir alle im Hier und Jetzt; so wie wir sind. An manchen Schrauben können wir drehen, doch irgendwo sind uns Grenzen gesetzt, mit denen wir uns abfinden müssen. Und die Dermatillomanie ist etwas, das mich schon lange begleitet und mich auch noch lange begleiten wird. Mal eben abstellen ist da nicht. Ich muss mich mit ihr abfinden und lernen, mit ihr zu leben. Aber bevor ich zu viel vorwegnehme, beginnen wir.

Was wäre, wenn ich kein Skin Picking hätte?

1. Ganz materialistisch betrachtet hätte ich vermutlich vieeeel Geld gespart. Wenn ich mir nur annähernd vorstelle, wieviele Euro ich für ganz bestimmte Klamotten, Schminke und auch Hygieneartikel ausgegeben habe, nur, weil ich die Hoffnung besaß, es könnte helfen... Mir helfen, mich zu verstecken und meiner Haut helfen, rein zu werden. An Hautpflege und die Heilung habe ich nicht gedacht. Nein, es ging darum, alles zu reinigen und förmlich abzutöten. Ich konnte nicht gut zu mir sein und war in einem Wahn. Wenn man pingelig ist, könnte man auch die ganzen Stunden zusammenrechnen, die ich nachts mit voller Beleuchtung im Bad stand und dann sagen, dass man da eventuell Strom hätte sparen können. Außerdem wäre ich ohne Skin Picking wohl nie beim Hautarzt oder bei der Kosmetikerin gewesen - wieder was gespart. Geld und Zeit! Aber damit kommen wir zum nächsten Punkt.

2. Mal ernsthaft: Mich würde es brennend interessieren, wieviele Stunden bzw. Tage (oder sogar Wochen?) ich in meinem Leben schon damit verbacht habe, an meiner Haut rumzudrücken/zu kratzen. Rational gesehen ist all die Zeit für immer verschwendet. Sie ist weg, ohne, dass ich sie sinnvoll genutzt habe. Kann ich sie mir wiederholen? Nein. Ich kann im Nachhinein nur sagen: Jacqueline, du hättest diese Zeit mit wesentlich schöneren und sinnvolleren Dingen füllen können. Du hättest dir was Gutes tun können oder etwas mit Freunden unternehmen können. Du hättest lachen und fröhlich sein können...

3. Nie im Leben hätte ich auch nur einmal den Satz "Hör doch einfach auf!" oder "Lass die Finger doch mal aus deinem Gesicht!" gehört. Meine Familie hätte sich zu keiner Zeit Sorgen um mich machen müssen. Es wären keine unangenehmen Situationen oder Streits entstanden, weil ich zu lange im Bad war, den Spiegel dreckig gemacht habe oder immer so lange zum Schminken brauchte. Des Weiteren hätte ich kein einziges, teilweise nerviges und unangenehmes Gespräch über die Dermatillomanie führen müssen. Keine angeekelten und verständnislosen Gesichter, keine Erklärungsnot, keine blöden Fragen.

4. Jetzt kommen wir zu einem sehr großen Thema, wo ich nicht genau weiß, wie ich es gliedern - geschweige denn beginnen - soll. Jeder, der selbst an Skin Picking leidet, wird es wissen und kennen. Jeder, der recht gut Bescheid weiß, hier mit liest und ein existierendes Vorstellungs- und Einfühlungsvermögen besitzt, wird es sich vorstellen können. Skin Picking bringt massenweise negative Gefühle mit sich: Trauer, Wut, Frust, Hass, Enttäuschung, Angst, Nervosität, Scham, innere Leere, Einsamkeit, Versagens- und Verlustängste, psychischer und physischer Schmerz, Anspannung, Beunruhigung, Eifersucht/Neid, Ekel, Verunsicherung, Verzweiflung, Reue... Die Liste ist endlos. Und ich kann nicht leugnen, dass mir die Dermatillomanie unzählige Momente voller Gefühle aus dieser Aufzählung gebracht hat. Ich war besonders oft traurig, am Boden zerstört, enttäuscht, wütend, einsam und hasserfüllt. Wäre ich also nicht von Skin Picking betroffen, hätte ich sehr viel weniger solcher Momente durchleben müssen. Ich wäre nicht Nacht für Nacht heulend im Bad zusammengebrochen, nachdem ich mich mal wieder selbst hingerichtet habe und einsam fühlte. Auch die anschließenden Tränen, die ich im Bett liegend vergossen habe, wären nie geflossen. Eventuell hätte ich nie diese große Tiefphase in meinem Leben erlebt, wo ich mich durch jeden Tag quälte und fragte, wann das Ganze ein Ende haben wird. Stattdessen hätte ich vielleicht eine sehr viel buntere, schönere und fröhlichere Jugend verbracht. Und ja, damit geht auch einher, dass ich wohl mehr Freunde gehabt hätte und heute auf wesentlich mehr schöne Erinnerungen mit ihnen zurückblicken könnte. Man kann auch davon ausgehen, dass ich insgesamt mehr von meiner Zeit als Kind/Teenager gehabt hätte und nicht so früh erwachsen geworden wäre.

5. Ganz eng damit verbunden ist das Thema Selbstvertrauen. Ich habe in einem Post vom August 2015 mal ganz genau erzählt, wie sich das bei mir so über die Jahre entwickelt hat und würde euch raten, da einen Blick reinzuwerfen, wenn ihr den noch nicht kennt (hier klicken). Kurz gesagt war ich zeitgleich zu der Tiefphase in meinem Leben ein extrem unsicherer Mensch ohne Selbstvertrauen. Ich fand mich hässlich und absolut nicht liebenswert. Stattdessen hasste ich jeden einzelnen Zentimeter an mir und auf meinen Charakter konnte ich ebenso nur mit Hass und Verachtung schauen. Das führte zu Misstrauen an anderen Personen und außerdem dazu, dass es mir schwer fiel, auf andere zuzugehen und nett zu sein. Freunde finden und halten war in der Zeit auch nicht leicht für mich. Wenn ich also Selbstvertrauen gehabt und mich nicht gehasst hätte, hätte ich früher damit anfangen können, ein gutes Verhältnis zu mir selbst aufzubauen. Mit mir in's Reine zu kommen. Das hätte dann dazu geführt, dass ich wohl mit links neue Leute kennengelernt hätte, denn von Natur aus bin ich eigentlich sehr offen und extrovertiert. Ich wäre wahrscheinlich nie so stark gemobbt worden und hätte einfach mehr Halt bei Altersgenossen gefunden. Außerdem wäre es mir möglich gewesen, das Haus ohne eine zentimeterdicke Make Up Schicht zu verlassen und mich dabei auch noch wohl zu fühlen. Ich wäre viel häufiger schwimmen gegangen und hätte mir keine blöden Ausreden für den Sportunterricht ausdenken müssen. Insgesamt hätte ich den Sommer als Jugendliche so viel mehr genießen können! Und ja, heute hat sich diesbezüglich viel geändert, doch wenn ich ehrlich bin, plagen mich dennoch hin und wieder Selbstzweifel. Sie sind klein und leise - in keinster Weise mit dem vergleichbar, was vor einigen Jahren in meinem Kopf abging. Aber sie sind da und werden wohl nie ganz verschwinden. Das bedeutet, dass ich auch all die Sorgen und Schwierigkeiten, die das heute noch mit sich bringt, nicht hätte. Ich würde ungeschminkt einfach besser, wacher und frischer aussehen.

6. Etwas, womit ich mich in der Vergangenheit noch nicht (so sehr) rumschlagen musste, was aber sehr bald auf mich zukommt: Vorstellungsgespräche und Bewerbungsgespräche. Sie sind an sich selbstverständlich für jeden Menschen stressig und lästig! Jeder möchte sich von seiner besten Seite zeigen - sowohl von den Fähigkeiten, als auch vom Aussehen her. Und da kommen wir der Sache schon näher: Je nach Phase kann meine Haut ziemlich beschissen aussehen. Narben sind immer da, davon mal abgesehen. Aber in schlechten Phasen kommen Rötungen, frische Wunden und größere Unreinheiten bzw. Pickel dazu. Und ganz unabhängig davon, ob ich es vom Selbstvertrauen her könnte, stelle ich mir die Frage: Möchte ich die zeigen? Möchte ich so zu einem Bewerbungsgespräch gehen? Nein, möchte ich nicht. Es gibt zwar eine Stimme in mir, die sagt, dass ich zu mir als Person stehen möchte und daher will, dass auch mein zukünftiger Arbeitgeber mich so nimmt, wie ich bin. Aber dann ertönt eine viel lautere Stimme in mir: Die Vernunft. Sie sagt, dass es in der Arbeitswelt nicht darum geht, wer man privat ist und mit was für Problemen man sich herumkämpft. Sie befiehlt mir quasi, dass ich das außen vor zu lassen habe und es mir daher nie erlauben könnte, ungeschminkt oder kaum geschminkt zu so einem Gespräch zu erscheinen. Ich habe dafür zu sorgen, dass ich gut aussehe und meine schlechte Haut verschwinden lasse. Daher kann man sagen, dass ich mir auch hier ohne das Skin Picking sehr viel weniger Stress und Sorgen machen würde. Vielleicht könnte ich mich noch besser auf meine Fähigkeiten konzentrieren, wenn es weniger Gedanken um mein Aussehen gäbe.

7. Was ich bis hierhin nicht angesprochen habe, sind die Konsequenzen an sich. Anders gesagt meine Narben im Gesicht, im Dekolleté, am Hals, an den Beinen, auf den Oberarmen und Schultern. Wenn ich keine Skinpickerin wäre, hätte ich eine narbenfreie Haut. Ich würde nicht mit jedem Blick in den Spiegel an meine Vergangenheit erinnert werden. Daran, dass ich oft an mir selbst gescheitert bin und zu schwach war. Ich wäre glücklich, eine schöne und reine Haut zu haben.

Kleiner Cut, ab jetzt kommen mal positivere Dinge!

8. Ohne die Dermatillomanie würde ich allerdings nicht so viel über die Funktionen der Haut, über Hauttypen und über die richtige Hautpflege wissen. Ich würde mich nicht so sehr um meine Haut kümmern, wie ich es heute tue. Neben der Drückerei, die ganz offensichtlich nicht gut ist, gebe ich mein Bestes, um gut zu meiner Haut zu sein. Ich weiß, wie viel sie mir vergeben hat und immer vergeben wird. Was sie alles für mich tut. Und aus dem Grund möchte ich nicht mehr länger gegen sie ankämpfen, sondern mit ihr zusammenarbeiten. Sie ist schließlich meine Haut und damit unersetzbar. Falls ihr dazu noch etwas mehr lesen wollt, schaut doch mal bei diesem Post vorbei.

9. Ich würde ein paar sehr liebe Menschen gar nicht kennen, die ich über die Verbindung mit dem Skin Picking kennengelernt habe. Also hätte ich keine Erfahrungen ausgetauscht und keine interessanten und hilfreichen Gespräche darüber geführt. Dazu zählen auch die Treffen der Selbsthilfegruppe, die ich bis jetzt besuchen durfte! Ich hätte diese tollen Erlebnisse nie gemacht und nie den einzigartigen Zusammenhalt und das tiefe Verständnis von Gleichgesinnten genießen können.

10. Wahrscheinlich würde ich nicht mal vom Skin Picking wissen, wenn ich nicht selbst betroffen wäre. Generell würden mich psychische Erkrankungen und Zwangsstörungen wenig interessieren. Ich wüsste also gar nicht, wie viele von euch da draußen sind und jeden Tag mit sich selbst zu kämpfen haben. Dass viele nicht mal Bescheid wissen und stillschweigend leiden, wäre mir ebenso nicht bewusst. Es würde mich auch nicht so sehr kümmern. Weiter gedacht hätte ich also nie meinen Helferdrang entwickelt und nie dazu beitragen können, dieses Thema endlich bekannter zu machen. Dieser Blog würde nicht existieren - ich würde also in diesem Moment nicht diese Zeilen hier schreiben. Ich hätte keiner einzigen Person je geholfen, sich besser zu fühlen. Genauso wenig hätte ich auch nur einer Person Inspiration und Motivation geschenkt.

11. Egal, wie viel Negatives die Dermatillomanie mit sich bringt: Sie macht auch stark! Sie lässt mich viel über mich selbst lernen und erkennen, dass ich eine Kämpferin bin, die niemals aufgibt. Durch das, was man mit der psychischen Störung erlebt, wird man auf eine Art und Weise stärker und selbstbewusster, finde ich. Man arbeitet mehr an sich selbst, gibt sich Mühe und will es stets besser machen. Man möchte sich (weiter) entwickeln! Wenn ich kein Skin Picking hätte, wäre ich wohl nie die ehrgeizige Kämpferin geworden, die ich heute bin.


Das bringt mich zu der großen Frage: Wäre mein Leben besser, wenn ich kein Skin Picking hätte? Tja, gute Frage. Wie will man etwas beurteilen, was man nur vermuten kann? Richtig, gar nicht. Ich möchte keine eindeutige Antwort auf die Frage geben. Mehr als ein "Vielleicht, ich weiß es nicht" kann ich nicht entgegnen. Was ich mir gut vorstellen kann, ist, dass ich bestimmt ein weitaus glücklicherer Mensch wäre. Aber ob das mein Leben gleich besser machen würde!? Fakt ist: Ich bin nur aus einem einzigen Grund die Person, die ich heute bin. Undzwar weil mein Leben so verlaufen ist, wie es nunmal verlaufen ist. Was ich dahingehend weiß: Ich bin gerne diese Person, die ich durch meine Vergangenheit geworden bin! Klar habe ich auch so meine Ecken und Kanten, aber im Großen und Ganzen bin ich froh drüber, dass ich so eine starke Persönlichkeit in mir trage. Wenn ich nicht vom Skin Picking betroffen wäre, dann wäre ich nicht die Person, die ich bin. Und dieser Gedanke macht mir ein wenig Angst. Wer weiß, was das für Folgen hätte, wenn ich eine ganz andere Person wäre. Gut, dass es nicht so ist und ich sagen kann: Ja, ich bin bereit, mit meinem Leben zu leben! Und ich bin auch bereit, meine Vergangenheit ruhen zu lassen und dafür mit all dem Wissen und einem eisernen Blick nach vorne in die Zukunft zu gehen. Denn nur über den Weg, den ich noch gehen werde, habe ich die Kontrolle. Was mal war, ist unveränderlich. Was aber mal sein wird, liegt in meiner Hand. Ich kann es besser machen und an meinen Aufgaben wachsen! Dabei kann ich nur mit dem arbeiten, was mir gegeben ist und nicht mit dem, was Andere haben oder ich vielleicht haben könnte. Ich lebe im Hier und Jetzt und bemühe mich so oft es geht, das Beste draus zu machen.

Weil ihr so lange kein aktuelles Bild mehr von mir gesehen habt und dieser Post noch dazu so textlastig war, hänge ich nochmal zwei Grinsebilder an's Ende. Passenderweise eins im geschminkten und eins im ungeschminkten Zustand.



Damit wünsche ich euch ein schönes Restwochenende! :)

Kommentare:

  1. Das Video habe ich auch gesehen. Du hast eine sehr schöne eigene Version davon kreiert! :)

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    1. Das ist sehr lieb von dir, dankeschön! :)

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