23. Januar 2017

Zwang der Gesellschaft

Guten Abend, ihr da draußen!

Eigentlich wollte ich heute einen anderen Inhalt in Worte bringen und veröffentlichen, aber aufgrund neuester Ereignisse des heutigen Tages wurde ich dazu angeregt, meine Pläne umzuschmeißen. Mit diesem Post will ich erstmals ganz konkret und direkt Kritik an der Gesellschaft üben und etwas meckern. Vielleicht lasse ich dabei sogar etwas Wut/Frust raus, das muss ja schließlich irgendwo hin. Nehmt es mir nicht übel, aber ich muss eben sagen, was gesagt werden muss. Auch die Länge dieses Posts könnte heute mehr werden. Nur, damit ihr Bescheid wisst.

Erstmal zur Ausgangssituation: Meine Haut ist in einem äußerst schlechten Zustand (Bilder gibt es am Ende!). Die Drückanfälle der letzten Zeit haben ihre Spuren hinterlassen: Viele rote Stellen, Pickel und Wunden. Noch dazu war ich heute komplett ungeschminkt - nicht mal Concealer für die Augenringe oder schnell ein Puder zum Mattieren. Und ich glaube, dass ich meine schlechte Haut auf der Arbeit noch nie so deutlich gezeigt habe wie heute. Klar, ich laufe viel wenig geschminkt rum und habe immer mal wieder etwas schlechtere Phasen, aber das war nicht vergleichbar mit heute. Dementsprechend wurde ich des Öfteren in Situationen gebracht, wo ich nach meiner Haut gefragt wurde. Diese Situationen möchte ich euch hiermit schildern.

Kaum komme ich auf der Arbeit an, kommt der erste Kommentar meiner einen Arbeitskollegin:"Hast du Ausschlag?". Als ich dies verneinte, kam ein "Das ist aber ganz schön schlimm heute..." zurück. Einige Minuten vergingen, bis sie das Thema wieder aufgriff, indem sie fragte, ob ich Akne hätte. Ich meinte einfach "Ja" und sie erwiderte "Oh du Arme!". Damit war es erstmal gegessen.

Die zweite Situation ereignete sich beim Anziehen der Kinder. Eines der Mädchen schaute mich an und fragte:"Aua?". Ich verneinte. Sie fragte:"Farbe?". Auch dies verneinte ich und auf die letzte Frage "Was ist das?" antwortete ich, dass es nichts Schlimmes sei. Ende der Unterhaltung.

Später am Tag wurde ich von meiner zweiten Arbeitskollegin angesprochen, die zufällig die gleichen Worte fand wie die andere Kollegin. "Hast du irgendwie Ausschlag oder sowas?", fragte sie mich. Ich musste grinsen und innerlich gleichzeitig die Augen verdrehen... Dann erklärte ich aber etwas ausführlicher, dass das ganz normal bei mir ist und ich jetzt eben eine schlimme Phase habe. "Kannst du das so gut überschminken?", wollte meine Kollegin dann wissen. Ich bestätigte dies und meinte nur, dass Übung eben den Meister macht.

Die letzte Situation kam total unerwartet während der Abholzeit. Ein Geschwisterkind aus dem Kindergarten kam hereingestürmt, während ich mich mit einigen Eltern im Gruppenraum befand. Es schaute mich an und rief durch den ganzen Raum:"Hast du die Masern?". Da war ich zugegebenermaßen zuerst etwas platt. Auch die Eltern im Raum gaben Laute von sich, die Entsetzen ausdrückten. Das Kind meinte es sicher nicht böse, aber genau diese Formulierung gab mir schon einen kleinen Stich ins Herz. Allerdings überspielte ich dies - auch dann noch, als das Kind weiter nachbohrte, indem es sagte:"Du hast aber ganz viele rote Punkte überall!".

Um kurz etwas klarzustellen: Ich bin niemandem direkt böse und möchte auch niemandem falsches Verhalten vorwerfen! Selbstverständlich darf man Nachfragen anstellen oder auch Äußerungen machen, keine Frage. Doch die Häufung war es, die mich dann zum Nachdenken brachte. Plötzlich wurde ich total still und bedrückt. In meinem Kopf fing es an zu rattern und ich entschloss mich dazu, mein Gedankenchaos heute noch in einen Post zu bringen.

Was habe ich also daraus gemacht? Der heutige Tag zeigte mir im Grunde eins: Diesen starken gesellschaftlichen Zwang, der vermutlich nie sein Ende finden wird. Dieser Zwang besteht darin, normal und gut auszusehen. Völlig unwichtig, was genau "normal" oder "gut" ist. Solange du den Vorstellungen der Gesellschaft entsprichst und in das Bild der Normalität passt, ist alles gut. Aber sobald du aus dem Rahmen fällst, hast du ein Problem. Kaum siehst du nicht normal und gut aus, muss nachgehakt werden. Dann bist du gleich "krank" oder "abnormal". Die Leute denken sofort, dass etwas dahinter stecken muss. Sie spinnen eventuell sogar ihre eigenen Geschichten, woraus dann Vorurteile entstehen. Wobei das noch harmlos ist... Schlimmer gedacht gibt es ja auch Mobbingfälle, die so ihren Anfang finden. Und das gefällt mir nicht, echt nicht. Es verärgert mich! Ich kann heute stolz sagen:"Ja, ich stehe zu mir! Ich bin aufrichtig und zeige mich, wie ich bin!" und dann wird mir indirekt von der Gesellschaft befohlen, das zu unterlassen. Was ist das für ein Quatsch? Wieso darf ich nicht sein, wie ich bin? Wieso muss ich mich verstecken? Wieso besteht dieser bescheuerte Zwang der Normalität immer noch? Warum sind wir Menschen so scheiße oberflächlich? Weil wir es sein müssen? Warum bewerten wir Aussehen und wonach überhaupt? Ey, wir sind im 21. Jahrhundert! Es wird Zeit, solche Zwänge loszuwerden! Aber nein, stattdessen lebt die Gesellschaft still mit solchen Zwängen weiter und lässt ihre Scheuklappen auf. Niemand traut sich, über den Tellerrand zu schauen und so kommt es, dass auch unsere Kinder diese Muster übernehmen. Die Frage ist, ob ich als Einzelperson etwas ändern kann... Wahrscheinlich nicht. Und obwohl ich weiß, dass sich vielleicht sogar nie etwas ändern wird, tue ich meinen Teil.

Trotzdem macht dieses Thema etwas mit mir. Heute Nachmittag, wo mein Kopf so vor lauter Gedanken rauchte, kamen auch ganz blöde Gedankenfetzen auf... Aus irgendeinem Grund wurde ich plötzlich unsicher und fragte mich:"Jacqueline, was machst du nun daraus? Fängt es jetzt wieder von vorne an mit dem Versteckspiel? Lässt du dich jetzt kleinkriegen?". Nein! Das will ich doch gar nicht! Verdammt, ich will mich nicht mehr verstecken. Das tut mir nicht gut und mein Wohl ist mir um Längen wichtiger als das Wohl der Gesellschaft. Ich darf mich nicht verbiegen lassen, nur weil die Gesellschaft mir irgendetwas vorgeben will. Dann kamen in meinem Kopf Fragen auf wie "Zeige ich das jetzt erst recht? Was ist richtig? Gibt es überhaupt ein 'Richtig'?". Meine Antwort: Nein, es gibt kein allgemeines 'Richtig'. Jeder muss das für sich entscheiden. Mein 'Richtig' orientiert sich an meinem Wohl und daher versuche ich so gut es geht, weiterhin unbeirrt so zu bleiben, wie ich bin. Mich und meine Haut in jeder Lebenslage zu zeigen. Das bedeutet zwangsläufig, dass ich mich weiterhin solchen Situationen wie heute stellen muss. Aber wisst ihr was? Das nehme ich in Kauf! Undzwar gerne, denn dafür kann ich frei Ich sein.

Nun noch ein paar Eindrücke meines momentanen Hautzustandes:






...Entschuldigt meine Wortwahl. Nächstes Mal bin ich bestimmt wieder weniger gefrustet. Bis dann!

Kommentare:

  1. Hey Jacqueline,

    meine Haut sieht momentan exakt genauso aus wie deine, also nicht unbedingt dem heutigen Schönheitsideal entsprechend...
    Der Unterschied ist nur, dass ich es im Gegensatz zu Dir nicht schaffe, mich so zu zeigen. Du bist verdammt stark!
    Also lass Dir das nicht nehmen und zeig dich weiter so wie du bist, auch wenn das bei unserer verkorksten Gesellschaft vielleicht zu Irritationen führt.

    Alles Liebe
    Lena

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    1. Hey Magdalena! Erstmal danke ich dir für deinen Kommentar!

      Danke dir. Das höre ich nicht zum ersten Mal. Aber jeder ist es, auf seine Weise.
      Ja, du hast wohl recht. Es ist manchmal schwer, aber definitiv gut für einen selbst.

      Liebe Grüße

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  2. Hey liebe Jacqueline,
    vielen Dank für Deinen richtig tollen Blog. Du hast eine super Schreibe, ich lese Dich total gern. Ich bin jetzt 30 und habe seit ca 15 Jahren mit der Dermatillomanie zu kämpfen - leider habe ich mich auch mehrere Jahre versteckt und abgekoppelt, weil ich mich so dermaßen schämte... Ich bereue diese Jahre sehr - gut, dass Du Dich gegen eine Isolation wehrst. Mich stört es heute auch, wenn meine Kolleginnen mich nach einem Drückanfall mit einem "Ohje, du siehst schlecht aus, was ist los" empfangen.... Allerdings würde ich versuchen, hier nicht zuu viel Gesellschaftszwang hineinzuinterpretieren. Stark gepickte Haut sieht nunmal leider recht schlimm und evtl. furchterregend aus. Und sie ist mega auffällig. Die eigenen (psychischen?) Probleme sind einem ja tatsächlich massiv ins Gesicht geschrieben. Ich denke auch, dass eine nicht gepickte Akne keinen vergleichbaren "Schrecken" erzielen würde. Insofern finde ich Nachfragen und eine gewisse Irritation seitens meiner Mitmenschen recht verständlich - vielleicht sogar gut. Angenehm isses natürlich nicht und ich fühle mich auch schnell überfordert und in die Ecke gedrängt. Ehrlich drauf antworten, kann ich sowieso nicht. Nur wie sollen die Leute ahnen, was hinter diesem Erscheinungsbild steckt? Ich denke, einiges an vermeintlicher Ablehnung und Schönheitsfixierung projiziert man auch in die Reaktionen hinein, weil man gerade selber eben eine große Furcht vor der Ablehnung und Reduktion aufs Äußere in sich trägt. Ich wünsche Dir alles Gute auf Deinem weiteren Weg (und ein bisschen Eigenzärtlichkeit - daran arbeite ich selbst grad so hart...)

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    1. Hey du! Auch dir danke ich für den Kommentar und die Komplimente zu Beginn. Das schmeichelt mir sehr, dankeschön. :)

      Interessant, wie du das siehst. Ich kann auch verstehen, was du sagst, aber ich weiß nicht... Mich stört auch einfach die Art und Weise, wie man mir damit so entgegengetreten ist. Hätte man anders machen können. Und was heißt schon "schlimm"? Es gibt viel schlimmere Sachen. Liegt doch im Auge des Betrachters.
      Was die Nachfragen angeht, stimme ich dir aber zu. Das wollte ich auch nie anders sagen. Ich kann schon sehen, weshalb man sich wundert und eventuell nachfragt. Und ich erwarte nicht, dass gleich jeder weiß, was los ist und sich in dem Themengebiet auskennt. Absolut nicht! Was die eigene Furcht vor Ablehnung angeht, musste ich kurz nachdenken, aber nein. Ich meine, von mir sagen zu können, dass ich keine Angst habe. Die Zeiten sind vorbei. Vielleicht gibt es die inneren, unbewussten Ängste, die ich nicht ausstellen kann, aber ansonsten ist da nichts. Wer mit mir nicht klarkommt, mit dem will ICH nicht klarkommen.

      Dankeschön! Daran muss ich wahrscheinlich wirklich noch arbeiten.

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