9. August 2015

Die Entwicklung meines Selbstbewusstseins

Na ihr!

Der Post mit meiner Zeichnung muss leider noch etwas warten, weil ich im Moment nicht gerade in Zeichenlaune bin... Das tut mir zwar leid, doch ich weiß ganz genau, dass mich das Ergebnis bei Weitem nicht zufriedenstellen würde, wenn ich jetzt zeichnen würde. Deswegen muss das noch etwas warten, aber dafür gibt es heute einen Post, an dem ich schon seit längerer Zeit sitze und der ziemlich lang sein wird. Außerdem habe ich ihn am Ende dieses Posts mehr oder weniger angekündigt, es wird also Zeit. Er wird sich um die Entwicklung meines Selbstbewusstseins drehen. Auf die Idee kam ich, als ich letztens tatsächlich mal wieder mein altes Tagebuch herausgeholt habe, in dem ich hauptsächlich etwas geschrieben habe, als ich in meiner Tiefphase war. Wenn ich ehrlich bin, muss ich an dieser Stelle sagen, dass ich keinen blassen Schimmer habe, wie der folgende Post aufgebaut sein oder wie lang er sein wird. Ich schreibe einfach mal drauf los und hoffe, dass es kein zu großes Wirrwarr wird und ihr durchsteigen könnt. Beginnen wir mit einem kleinen Zitat, welches ich mir in Gedanken zusammengestellt und "zu Papier" gebracht habe:

Das Selbstbewusstsein ist eines der am ungerechtesten verteilten Charaktereigenschaften. Es gibt Menschen, die eindeutig zu selbstbewusst für das sind, was dahinter steckt und es gibt leider auch unzählig viele Menschen, die aufgrund verschiedenster Ereignisse zu wenig Selbstbewusstsein haben, obwohl sie es nicht verdient haben.

Die Geschichte meines Selbstbewusstseins musste Höhen und Tiefen durchleben, was bedeutet, dass ich nicht schon immer so war, wie ich heute bin. Fangen wir deshalb hinten an - gaaanz weit in der Vergangenheit. Man kannte mich als extrovertiertes, lautes und selbstsicheres Kind, typisch Sternzeichen Löwe eben. Ich habe meine Meinung stets gerade heraus gesagt und vermutlich habe ich dabei des Öfteren zu wenig auf die Gefühle meiner Mitmenschen geachtet, aber man muss auch bedenken, dass ich noch jung war.


Ich hab mir von niemandem in meinen Kram reinreden lassen und verunsichert hat mich erst recht niemand. Obwohl ich eigentlich seit dem Kindergarten geärgert und gehänselt wurde, blieb mein Selbstbewusstsein stark. Kinder können manchmal fies sein, ich hielt es damals für normal. Probleme mit meinem Aussehen hatte ich ebenfalls nie wirklich, es war also alles paletti und ich war mit mir selbst im Reinen.


Die ersten Unsicherheiten bezüglich meines Aussehens kamen dann ganz klassisch zum Einsetzen der Pubertät auf, was bei mir recht früh war. Es ging los mit Hautunreinheiten und Akne und außerdem war ich auch sehr lange untergewichtig, woran ich aufgrund einer Krankheit nichts ändern konnte. Mich selbst störten diese Dinge schon, aber ich habe dennoch nicht so viel Wert drauf gelegt, weil mir damals nicht wichtig war, was Andere von mir dachten. Selbstverständlich habe ich registiert, dass andere Mädchen keine bzw. weniger Probleme mit Pickeln hatten als ich, aber das war mir kein Dorn im Auge. Man könnte fast sagen, dass ich damit zurecht kam, einige pubertätsbedingte Makel zu haben.


Mit ungefähr 13 Jahren fing ich an, meine Vergangenheit zu reflektieren und über langes und wiederholtes Nachdenken hinweg begann ich auch, sie zu "kritisieren". Meine Kindheit und Jugend waren nicht wirklich rosarot, ich hatte/habe es teilweise sehr schwer, aber damals habe ich das überspitzter gesehen, als es wirklich war. Ich habe mich nur auf die Schattenseiten meines Lebens fokussiert und um sie getrauert. Jegliche Fehler, die ich in meiner Vergangenheit gefunden habe, konnte ich nicht akzeptieren. Dies könnte ich nun noch meilenweit fortführen, doch kurz gesagt ist es so: Ich war Tag für Tag traurig, konnte mich nur an wenigen Dingen erfreuen und war auch sehr pessimistisch, was die Zukunft anging. Vor meiner Familie habe ich eine Fassade aufgebaut, die meine Gefühle verbarg, doch meinen damaligen Freundinnen habe ich eher gezeigt, wie es mir wirklich ging. Familie und Öffentlichkeit standen quasi außerhalb der Mauer, die ich um mich selbst errichtet habe, meine Freundinnen standen auf der Mauer und nur ich selbst befand mich in der Mauer. Was bedeutet, dass meine Freundinnen eine Ahnung hatten, was in mir vorging, mehr jedoch nicht. Wie ich wirklich war, wusste niemand.

So begann meine persönliche Tiefphase im Leben, die sich bis in mein 16. Lebensjahr zog. Über die Jahre hinweg wurden meine Probleme immer schlimmer, wodurch ich immer trauriger wurde und meinen Lebensmut Stück für Stück verlor. Durch ebenso intensiver und häufiger gewordene Mobbereien und Fertigmachereien in der Schule (die ich nicht bis in's Detail ausführen möchte) bröckelte auch mein Selbstbewusstsein. Irgendwann begann ich nämlich, die Beleidigungen Anderer bezüglich meines Aussehens zu glauben und so enstand in meinem Inneren gewaltiger Selbsthass. Ich hasste mich und mein Leben abgrundtief und weil alles so schlecht lief, sah ich mich nur bestätigt. In der Zeit verlor ich auch deshalb den Halt, weil meine Freundinnen mich im Stich ließen und meine Familie, die eh schon kaputt war, noch mehr in die Brüche ging. Es kamen viele Dinge zusammen, die ich von Anfang an für mich selbst behielt und niemandem erzählte (davon habe ich schonmal kurz berichtet). Mein Hass und meine Traurigkeit fraßen mich sozusagen von innen auf und im Nachhinein betrachtet war ich restlos überfordert...

Zum Skin Picking in der Zeit kann ich Folgendes sagen (was ich auch schon das eine oder andere Mal hier erwähnt habe): Es war für mich reine Bestrafung. Anders gesagt diente es mir als eine besondere Art des selbstverletzenden Verhaltens. Ich konnte mein Aussehen und das, was ich meiner Haut Tag für Tag antat, nicht akzeptieren und dachte, ich selbst wäre der Fehler. In meinen Augen war ich ein Monster und dieser Gedanke verstärkte meinen Hass auf mich selbst, was dazu führte, dass ich erst recht an meinen Pickeln herumdrückte. "Schlimmer kann ich sowieso nicht mehr aussehen" war einer meiner Hauptgedanken damals. Mein Selbstwertgefühl und mein Selbstbewusstsein waren im Keller, das könnt ihr euch sicher denken. Ich fühlte mich hässlich, abstoßend, scheiße, nicht liebenswert und sowieso wie der totale Außenseiter. Als ich mit Mitte 15 erfuhr, dass ich an Skin Picking leide, verstärkte dies mein Gefühl, ein Außenseiter zu sein. Von der starken, selbstbewussten und extrovertierten Jacqueline war nichts mehr übrig. Als wäre ich ein anderer Mensch geworden und das eigentlich nur durch äußere Einflüsse wie fiesem Mobbing, fehlenden Freunden usw.




Doch das war nicht noch nicht alles in Zusammenhang mit der Dermatillomanie, denn ich hatte auch große Angst. Ich wusste ja, wie es ist, beleidigt und gemobbt zu werden, deshalb wollte ich nicht, dass auch nur eine einzige Person von meiner psychischen Störung erfährt und deshalb noch einen Grund mehr hätte, mich zu beleidigen. Ich habe wirklich alles getan und mein Bestes versucht, um jegliche Pickel und Narben zu verstecken. Dazu gehörte zum einen die Schminke: Bei jeder Gelegenheit, in der mich eine außenstehende Person sehen konnte, musste ich geschminkt sein! Ohne mein volles Programm an Concealer, Abdeckstift, Make-Up etc. habe ich keinen Fuß vor die Tür gesetzt. Zum anderen war die Wahl meiner Klamotten wichtig - oben habe ich mal drei Beispielfotos aus der Zeit für euch herausgesucht. Ihr seht nichts an Pickeln oder Narben? Ja, genau. Das war auch meine Absicht und ein unverzichtbares Muss. Selbst im Sommer war das wichtig für mich und aufgrund dessen kamen nur ca. 20 % meiner Kleidung aus dem Kleiderschrank infrage. Die Kleidungsfrage war jeden Morgen wieder ein großes Problem, doch irgendwie habe ich es tatsächlich mehrere Sommer lang geschafft, so zu leben. An dieser Stelle möchte ich mich nicht zu sehr wiederholen, da ich dieses Thema schon in dem Post "Versteckspiel" behandelt habe. Bei Interesse schaut ihr einfach da mal rein!

Von alleine kam ich aus dem Dilemma und den immer wieder auftauchenden Teufelskreisen mit dem Skin Picking jedenfalls nicht heraus. Zufrieden war ich zwar nicht damit, in einem tiefen, schwarzen Loch zu hocken, doch irgendwie kam ich klar. Man könnte auch meinen, dass ich mit der Zeit lernte, in diesem Zustand zu leben und dass ich deshalb von selbst nicht hundertprozentig etwas ändern wollte. Den Rest der Geschichte, der nun folgt, kennt ihr wahrscheinlich schon, weshalb ich mich kurz fassen werde.

Was hat also dazu geführt, dass ich heute wieder so selbstbewusst und stark bin wie früher? Der Auslöser dafür war D., den ich im Frühjahr 2013 im Internet kennenlernte. Wir verstanden uns von Anfang an gut, der Kontakt wurde intensiver und bald kam es dann zum ersten Treffen. Wir entwickelten Gefühle füreinander und führten eine ziemlich glückliche, starke und außergewöhnliche Beziehung, würde ich sagen. Er zeigte mir, dass ich mich nicht schämen muss und dass er mich trotz meiner Fehler so liebt, wie ich bin. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich wohl und verstanden, ich war bereit, mich ihm gegenüber zu öffnen. So verhalf er mir dazu, mich und mein Leben zu akzeptieren und auch zu lieben. Ich schloss mit meiner Vergangenheit und meiner Traurigkeit darüber (größtenteils) ab und mein Selbstbewusstsein stieg Stück für Stück. Mein Pessimismus verwandelte sich langsam in Optimismus - ich machte quasi eine 180°-Drehung. Nebenbei erkannte ich, dass ich wieder wahre Freunde in meinem Leben hatte und auch das verhalf mir sehr und stärkte mich. Irgendwann war ich dann so stark, von selbst an mir und meinem Lebensstil zu arbeiten und mich auch unabhängig von der Liebe von D. mit mir zufriedenzugeben. Ich wurde offener, was meine Dermatillomanie betrifft und bewältigte immer wieder neue Aufgaben...

...Das Ende der Geschichte ist bekannt, schließlich erlebt ihr es gerade mit. Im November letzten Jahres wagte ich mit meinem Blog den Schritt in die Öffentlichkeit und auch über diese Monate hinweg habe ich immer noch viele, kleine Stückchen Selbstbewusstsein hinzu gewonnen. Ich wachse an meinen Aufgaben, die ich mir selbst stelle und verstecke mich nicht mehr vor mir selbst oder vor den Augen anderer Menschen. Ich stehe zu mir und meinen Fehlern und bin darüber hinaus dazu bereit, sie zu zeigen! Darauf bin ich in Anbetracht der Tatsache, dass das nicht immer so war, auch sehr stolz!

Einerseits ist meine Geschichte vielleicht so etwas wie ein Happy End, aber andererseits ist es eine immer fortlaufende Entwicklung, die auch ihre Tiefen hat. Ihr lest es ja selbst: Es gibt Momente, in denen ich traurig und schwach bin, doch sie sind weit in der Unterzahl. Und ich bin heute stark und reif genug, um damit besser umgehen zu können als damals. Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden mit mir und das trotz meiner Pickel und Narben. Zur Verdeutlichung meiner Zufriedenheit habe ich hier einfach noch einmal ein paar Bilder, wo ich lache. Gibt auch einen schönen Abschluss, oder?



Kommentare:

  1. Hallo Jacqueline,
    vielen Dank für das Kompliment zu meinem Blogheader - es hat mich gefreut. Ich muss sagen von Skin-Picking habe ich noch nie in meinem ganzen Leben gehört, und das obwohl ich in meinem Leben schon mit einer ganzen Reihe von Krankheiten und psychischen Störungen zu tun hatte., (inkl. meinen eigenen). Was ich nachvollziehen kann & am eigenem Leib erfahren habe ist das selbst-verletzendes Verhalten & das auch ich nicht die Finger von meiner Haut lassen kann. Hut ab das du die Kehrtwende gemacht hast! Du wirkst wie eine starke, selbstbewusste junge Frau...sicherlich hast du auch deine Schwachen Momente, aber ich wünsche dir wirklich alles Gute für deinen weiteren Weg.

    Alles Liebe
    Yui Butterfly

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    1. Hey Yui!

      Freut mich sehr, dass du mir geantwortet hast! :)
      Ich nehme es dir ganz und gar nicht übel, Skin Picking ist eben unbekannt.
      Ansonsten bist du sehr lieb, wie es scheint. Danke für deine aufmerksamen Worte! :)

      Liebe Grüße

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